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Interview

Jedes Unternehmen muss sich der Wirkung der Digitalisierung stellen

Von IT-Gipfelmagazin Saarland • Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer im Interview

Die Scheer GmbH unterstützt als Consulting- und Software-Haus Unternehmen bei der Entwicklung neuer Businessmodelle, bei der Optimierung und Implementierung effizienter Geschäftsprozesse sowie beim verlässlichen Betrieb ihrer IT. Ein besonderer Schwerpunkt in der Entwicklung von neuen Produkten und Dienstleistungen liegt darin, Unternehmen branchenbezogen bei der digitalen Transformation zu begleiten.

1.056K Views 28.10.2016

Es gibt sie bereits, die mutigen Entscheider in Unternehmen, die vor dem Hintergrund der Digitalisierung nach innovativen Strategien, neuen Geschäftsmodellen, Business Lösungen und Technologien suchen, um den Erfolg ihres Unternehmens zu sichern und auszubauen. Herr Professor Scheer, vor welchen Marktherausforderungen stehen Unternehmen derzeit ganz grundsätzlich?

Jedes Unternehmen muss sich der Wirkung der Digitalisierung stellen. Die grundsätzlichen Treiber von digitalen Produkten, Prozessen und Geschäftsmodellen wie z.B. Personalisierung von Produkten und Prozessen, Selbststeuerung von Menschen und Systemen oder Sharing von Ressourcen müssen verstanden und zur Weiterentwicklung des eigenen Geschäfts genutzt werden. Neue Businessmodelle werden sonst bestehende kannibalisieren.

Es zeichnet sich schon jetzt deutlich ab, dass digitale internationale Plattformunternehmen in branchenfremde, bisher von Fertigungstechnologie beherrschte Märkte wie den Automobilbau, eindringen und die klassischen Marktführer bedrohen. Diese Trends muss jedes Unternehmen für sich analysieren und  eine Digitalisierungsstrategie entwickeln.  Klassische Unternehmen und digitale start-ups stehen zudem gleichermaßen vor Investitionsherausforderungen. Neue Entwicklungen wie Cloud Computing, Big Data Analytics, mobile Anwendungen oder Omni-Channel-Zugang erfordern die Modernisierung bestehender Softwareprodukte.

Läuft uns hier die Zeit davon?

Europa ist der viertgrößte Absatzmarkt für ITK und das spricht  zunächst für die Aufgeschlossenheit von Wirtschaft und Konsumenten für die neuen Technologien. Wir sind aber vornehmlich Käufer, wir vernachlässigen die kreative Gestaltung und Vermarktung neuer Technologien. Das  ist gefährlich, da man nicht an der Entwicklung der Technologie beteiligt ist, ihre Richtung bei Datenschutz und anderen Bedingungen kaum beeinflussen kann und eher Zweiter bei der Anwendung ist.

Wir müssen uns fragen, woran es liegt, dass Deutschland diese Entwicklung zugelassen hat, obwohl man die Industrialisierung angeführt hat. Wir brauchen den Mut, neue Unternehmen zu gründen, die auch international bestehen können. Das können übrigens auch Ausgründungen aus bestehenden, etablierten Firmen sein, die so neue Geschäftsmodelle entwickeln können.

Welche Schritte sind generell notwendig, um Unternehmen weiter zu digitalisieren?

Kleinere, mittelständische ITK Unternehmen sollten, ähnlich wie die großen und immer noch erfolgreichen Anbieter SAP und Software AG, die neuen Themen nicht nur erkennen, sondern umsetzen. Das gilt insbesondere für den Markt für Business Software, denn hier besteht großes Wachstumspotenzial. Ein Anfang ist hier gemacht: Traditionelle deutsche Industrieunternehmen haben große ITK-Abteilungen aufgebaut und sind dabei, sie als selbstständige Unternehmen auszugründen.  Sie können dann frei auf internationalen Märkten auftreten und Ausgang für neue große ITK- Unternehmen werden.

Wie kann die Balance zwischen Strategie, Business und Technologie gelingen?

Strategie, Business und Technologie dürfen nicht separat betrachtet werden, sie sind integrale und interdependente Bestandteile der digitalen Transformation. Dabei ist die Technologie der Enabler für die Umsetzung digitaler Businessmodelle. Letztere entstehen durch die strategische Neuausrichtung eines Unternehmens, das technologische Möglichkeiten als Herausforderung und Chance begreift. So bilden alle drei Elemente einen Kreislauf, bei dem die schnelle Entwicklung neuer Technologien als Impulsgeber auftritt, aber gemeinhin keinen Eigenwert an sich darstellt.

Welche Rolle kommt dabei einem Chief Digital Officer zu?

Aufgabe des Chief Digital Officers ist es, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und die digitale Transformation des Unternehmens voranzutreiben. Er ist für die Entwicklung und Umsetzung von Digitalisierung verantwortlich. Zur digitalen Transformation zählen zum einen die Entwicklung und Umsetzung digitaler Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen. Dabei werden digitale Plattformen mit  Social, Mobile, Cloud, Big Data und IoT Fähigkeiten eingesetzt. Zum anderen zählt hierzu die Digitalisierung der Kern-Unternehmensprozesse, wobei es häufig um die Einführung postmoderner ERP Systeme geht. 

Was empfehlen Sie Entscheidern, damit die „Digitale Transformation“ ihrer Unternehmen erfolgreich gelingen kann?

Will ein Unternehmen zukunftsfähig sein, muss es die Chancen der Digitalisierung offensiv nutzen. Das sture Beharren auf bisher erfolgreichen Konzepten ist gefährlich, denn neue, digitale  Businessmodelle werden das etablierte Geschäft gefährden. Die Chancen von Plattformunternehmen müssen erkannt werden und dazugehörende Ökosysteme aus Kunden und Partnern aufgebaut werden. Dabei kann ein Unternehmen durchaus selbst eine Plattform aufbauen und gleichzeitig Zulieferer einer anderen  größeren Plattform sein. Dem Aufbau des Ökosystems aus Kunden und Partnern kommt dabei immer mehr eine große Bedeutung zu. Denn je grösser das eigene Ökosystem ist, umso interessanter ist das Unternehmen als Partner für andere größere Unternehmen.

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Im Gespräch mit Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer. Dem Gründer der Scheer GmbH und Vorsitzenden des Beirates geht es um Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für Unternehmen.