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Bundes­ministerin Wanka:

Deutschlands Schulen fit machen für die digitale Welt

Kreide, Tafel, Schulbücher? Nein! Bundesbildungsministerin Wanka startet nun ein Milliardenprogramm zum EDV-Ausbau. Demnach will der Bund fünf Milliarden Euro in Breitbandanschlüsse, W-LAN und Computer für deutsche Schulen investieren. Diesem Plan steht das Grundgesetz zwar entgegen, aber Realisierungschancen hat das Projekt dennoch.

1.209K Views 14.10.2016

Die Digitalisierung verändert das Lernen wie kaum eine gesellschaftliche Entwicklung zuvor. Digitale Bildung beschreibt, wie sich der Bildungsprozess mit dem Einsatz digitaler Medien verändert: Lernen findet zunehmend virtuell statt, ob als E-Lecture, Webinar, Massive Open Online Course (MOOC), im „Flipped Classroom“ oder durch spezielle Learning Apps. Digitale Bildung beinhaltet aber auch, wie sich die Lernziele verändern. Dabei geht es um mehr als den Erwerb von Faktenwissen. Viel bedeutender wird die Kompetenz, sich Wissen selbstorganisiert anzueignen, es anzuwenden und kreative Lösungen für Problemstellungen eigenständig entwickeln zu können.

In Deutschland mangelt es an beidem: Es fehlt sowohl die benötigte Grundausstattung in den Schulen, die gebraucht wird, um digitale Technologien erstens didaktisch-pädagogisch im Unterricht einzusetzen und zweitens in ihrer Funktionsweise zu vermitteln. Zum anderen fehlt die Kompetenz der Lehrerschaft, diese Technologien dann auch tatsächlich im Unterricht zum Einsatz zu bringen. Ein erster Schritt auf dem Weg zur digitalen Bildung ist es also, die Technologie in allen Schulen flächendeckend auszurollen und für einen entsprechenden Service zu sorgen. Der zweite Schritt ist es, digitale Kompetenzen im Standard in die Lehrerausbildung und in die Lehrerfortbildung einzubauen.

Auch Bundesbildungsministerin Wanka sieht Handlungsbedarf. Mit der „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem damit verbundenen DigitalPakt#D soll der „Sprung nach vorn in der digitalen Bildung“ (BMBF) gemeistert werden.

Was ist die „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“?

Ziel der Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft ist es, den digitalen Wandel in der Bildung voranzutreiben. Mit der Strategie des BMBF sollen Potenziale erschlossen und Handlungsfelder aufgezeigt werden, die der digitale Wandel für alle Bildungsbereiche von der frühkindlichen Bildung bis hin zur Weiterbildung bietet.

Zu guter Bildung im 21. Jahrhundert gehören IT-Kenntnisse und der souveräne Umgang mit der Technik und den Risiken digitaler Kommunikation ebenso wie das Lernen mittels der vielen neuen Möglichkeiten digitaler Medien.

Bundesministerin Johanna Wanka

Mit der Bildungsoffensive soll die Bildung in diesen Bereichen maßgeblich vorangetrieben und mitgestaltet werden.

Was ist der DigitalPakt#D?

Als einen der Eckpfeiler der Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft schlägt das BMBF einen DigitalPakt#D zwischen Bund und Ländern vor. Ziel soll es sein, dass Schülerinnen und Schüler das nötige Rüstzeug bekommen, um souverän mit der Digitalisierung umzugehen. Dafür sollen die Schulen in Deutschland flächendeckend in die Lage versetzt werden, digitale Bildung zu vermitteln. Laut der Ministerin sei das eine entscheidende Zukunftsaufgabe.

Der Pakt sieht vor, dass der Bund fünf Milliarden Euro zur Verfügung stellt. Über einen Zeitraum von fünf Jahren sollen damit die rund 40.000 Schulen in Deutschland mit digitaler Ausstattung wie Breitbandanbindung, W-LAN und Geräten versorgt werden. Im Gegenzug sollen die Länder garantieren, die entsprechenden pädagogischen Konzepte, die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften sowie gemeinsame technische Standards umzusetzen. Laut Ministerin Wanka können Bund und Länder somit nicht nur die Chancengerechtigkeit für die junge Generation verbessern, sondern auch die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit des Landes sichern.

Ich möchte die Schulen in Deutschland fit für die digitale Welt machen.

Bundesministerin Johanna Wanka

Warum ist eine gute EDV-Grundaussattung in den deutschen Schulen wichtig?

Der internationale ICILS-Vergleichstest 2014 zeigt, dass deutsche Schüler mit ihren Computerkenntnissen weltweit nur im Mittelfeld liegen. Was die Achtklässler in Deutschland können, verdanken sie dabei weniger der Schule, sondern hauptsächlich ihrem privaten Umgang mit digitalen Geräten. Die höchste der fünf Kompetenzstufen bezüglich EDV erreichten in Deutschland nur 1,5 Prozent der Schüler. Auch in diesem Bereich bestätigte sich erneut, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischen Leistungen groß ist: Schüler aus bildungsnahen Familien erzielten in der Studie deutlich höhere Punktzahlen, als die aus bildungsfernen. Als besorgniserregend wird von den Autoren der Studie vor allem die schlechte Ausstattung und den geringen Einsatz von Computern an deutschen Schulen eingeschätzt: Im Schnitt teilen sich 11,5 Schüler einen Computer. Das sei derselbe Wert wie 2006, als das Bundesbildungsministerium die IT-Ausstattung erheben ließ. Bei der IT-Ausstattung stagniert Deutschland also.  

Die Ende 2015 veröffentlichte Studie "Schule digital" unterstreicht diese Ergebnisse und zeigte außerdem, dass es zwischen den 16 Bundesländern bei Computerausstattung und IT-Unterricht große Unterschiede gibt. Zwei Drittel der Lehrer in Bayern, Hamburg, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz halten die Ausrüstung für ausreichend. Nur rund 40 Prozent sind es in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. Und auch beim W-LAN driften die Länder weit auseinander. So finden in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein nur 40 Prozent der Lehrer, dass der Internetzugang an ihrer Schule schnell und stabil genug ist.
Kaum die Hälfte der befragten Lehrer setzt mindestens einmal pro Woche im Unterricht Computer ein und nur knapp jeder dritte Pädagoge entwickelt computergestützten Unterricht - aber fast 60 Prozent wünschen sich mehr Unterstützung bei der Digitalisierung des Klassenzimmers.

Darf der Bund überhaupt mit Geld in die Schulpolitik eingreifen?

Durch das so genannte Kooperationsverbot ist grundgesetzlich geregelt, dass Schulbildung Ländersache ist. Eine Grundgesetzänderung ist nach den Worten der Ministerin für den DigitalPakt#D jedoch nicht nötig, denn Artikel Artikel 91c  ermöglicht die Zusammenarbeit von Bund und Ländern auf dem Gebiet der Informationstechnik. Bund und Länder können also bei der Planung, der Errichtung und dem Betrieb der für ihre Aufgabenerfüllung benötigten informationstechnischen Systeme zusammenarbeiten. Ob der Artikel ausreicht, lässt derzeit die Kultusministerkonferenz prüfen. Aber die Länder sehen auch, dass sie bei den anstehenden Investitionen in Schul-IT-Projekte durch den DigitalPakt#D finanziell stark entlastet werden könnten.

Was sind weitere Maßnahmen der Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft?

Um den Prozess der Bildungsdigitalisierung zu begleiten, ist es notwendig, gesichertes Wissen über Erfolgsfaktoren und Nutzen zu gewinnen. Deshalb hat das BMBF die Forschung zur digitalen Bildung erheblich ausgeweitet: Digitale Bildung wird einer der Schwerpunkte des neuen Rahmenprogramms zur Bildungsforschung sein.

Darüber hinaus sieht die Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft insbesondere diese Maßnahmen vor:

  • Schul-Cloud: Derzeit fördert das BMBF eine Konzeptstudie für eine sogenannte „Schul-Cloud“, einen zentralen webbasierten Dienst, der teilnehmenden Schulen unter anderem Lern- und Arbeitsumgebungen sowie Lerninhalte (z.B. offene Bildungsmaterialien) bietet.

  • Regionale Kompetenzzentren Digitalisierung: Das BMBF unterstützt Kommunen und Bildungseinrichtungen dabei, vor Ort Digitalisierungsstrategien für Bildung zu entwickeln, Erfahrungen auszutauschen und gute Praxis in die Breite zu tragen. Geplant sind deutschlandweit bis zu zwanzig dieser Kompetenzzentren.

  • OER-Informationsstelle: Um Offene Bildungsmaterialien (Open Educational Resources OER) nachhaltig in allen Bildungsbereichen zu verankern, richtet das BMBF eine Informationsstelle ein, die Informationen bündelt und bereitstellt, sowie Fort- und Weiterbildung von Multiplikatoren zum Thema OER fördert.

  • Berufsbildung 4.0: Mit der bereits gestarteten Initiative Berufsbildung 4.0 unterstützt das BMBF den digitalen Wandel in der beruflichen Bildung.

  • Weiterentwicklung von Studiengängen: Akademiker aller Fachrichtungen benötigen tiefergehende digitale Kompetenzen als bisher. Das BMBF unterstützt die Hochschulen dabei, Studiengänge entsprechend zu modernisieren und Angebote für neue digitale Berufsbilder zu entwickeln.

  • Bundespreis Digitale Bildung: Um die Sichtbarkeit digitaler Bildung zu erhöhen, wird das BMBF einen Bundespreis mit verschiedenen Kategorien ausloben.

Was macht die digitale Bildung im Saarland?

Das Saarland hat eine Bildungsoffensive an Grundschulen gestartet: Bereits an zwei Saarbrücker Grundschulen werden Mini-Computer fächerübergreifend im Unterricht mit Drittklässlern eingesetzt. „Die Lehrer dort sind ganz begeistert,“ sagte Bildungsminister Ulrich Commerçon dem Radio Salü. Ab Februar nächsten Jahres sollen alle Grundschulen im Saarland die Möglichkeit bekommen, Drittklässer mit den Mini-Computern auszustatten. Dabei ist es allerdings Voraussetzung „dass alle Lehrerinnen und Lehrer die es einsetzten, auch vorher die entsprechende Fortbildung gemacht haben,“ so Commerçon. Ziel des Modellprojektes, das beim IT-Gipfel im November vorgestellt wird, ist es, die Kinder spielerisch an Technik heranzuführen und ihnen die Angst davor zu nehmen. Da sie Smartphones, Laptops und Computer sowieso im Alltag ständig nutzen, sollen sie jetzt lernen, wie ein Computer funktioniert, wie er aufgebaut ist und wie man Computer-Programme erstellt. 

Der Mini-Computer heißt Calliope. Er ist so groß wie eine Handfläche und hat zum Beispiel einen kleinen Bildschirm, einen Lautsprecher und ein Mikrofon. Er kann mit anderen Geräten kabellos verbunden werden.

Das Saarland ist das erste Bundesland, das Computer an Schulen flächendeckend einführt. Die Kosten dafür übernimmt das Bundeswirtschaftsministerium.

Prof. Dr. Johanna Wanka und Ulrich Commerçon

Seit Februar 2013 ist Johanna Wanka Bundesministerin für Bildung und Forschung und Mitglied der Bundesregierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel.  Neun Jahre lang, von 2000 bis 2009, war sie Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Brandenburg, von 2010 bis 2013 diente sie im gleichen Ressort als Ministerin in Niedersachsen.

Ulrich Commerçon ist seit 2001 stellvertretender Vorsitzender der SPD Saarbrücken–Stadt. Mitglied des saarländischen Landtages ist er seit dem Jahr 1999. Ab 2004 war er stellvertretender Vorsitzender seiner Fraktion und war bis 2012 stellvertretender Vorsitzender und bildungspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Seit 2012 ist er saarländischer Minister für Bildung und Kultur.

Schwerpunkt Bildung beim 10. Nationale IT-Gipfel

Digitale Medien können Menschen den Zugang zu Bildung erleichtern, bestimmen aber nicht die Inhalte. Trotzdem berühren digitale Medien an einigen Stellen unser grundlegendes Verständnis von Bildung: Was müssen wir in Zukunft wissen? Welche Kompetenzen müssen wir uns aneignen? Welche technischen Möglichkeiten wollen wir nutzen? Welche lehnen wir ab?

Es ist wichtig, Fragen aufzuwerfen und offen darüber zu diskutieren, welche Weichen wir heute stellen müssen, um gut auf die digitale Welt vorbereitet zu sein. Der 10. Nationale IT-Gipfel ist ein wichtiger Ort für diese Debatte. Hier kommen Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Verwaltung zusammen und beschäftigen sich in diesem Jahr schwerpunktmäßig mit der Digitalisierung im Bildungssektor. Die Plattform „Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft“ wird eine Vielzahl an Exponaten und damit verbundenen Projekten zeigen. Etwa die erste „SmartSchool“ in Saarbrücken. Ein weiteres wichtiges Thema: wissenschafts-, forschungs- und wirtschaftspolitische Fragen rund um „Open Data“. Am zweiten Tag des IT-Gipfels wird zudem die gesamte Bildungskette von der schulischen Bildung über die Berufsausbildung bis hin zur Fort- und Weiterbildung in den Blick genommen.