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IT-Forschung

Wo selbst ein Gründer von Apple sich den Gastauftritt nicht nehmen lässt

Rund hundert Computerwissenschaftler haben sich im Foyer des neuen Hörsaalgebäudes an der Universität des Saarlandes versammelt, die Stimmung ist angespannt. Dann verkündet Universitätspräsident Volker Linneweber, was ihm Ministerpräsidenten Annegret Kramp-Karrenbauer vor wenigen Sekunden am Telefon durchgegeben hat, und erlöst die Menge.

753 Views 15.11.2016

Es ist Freitag, der 15. Juni 2012 und die Universität des Saarlandes hat zum zweiten Male im Rahmen der „Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur Förderung von Wissenschaft und Forschung an deutschen Hochschulen” die Anträge für einen Exzellenzcluster plus eine Graduiertenschule und die damit verbundene millionenschwere finanzielle Unterstützung bewilligt bekommen. Nach einigen Minuten steigen der Präsident und die Sprecher von Exzellenzcluster und Graduiertenschule auf zusammengeschobene Tische und fassen den für Universität und Land so wichtigen Erfolg mit kurzen Reden in Worte. Seither bezeichnen die Saarländer ihre Informatik zurecht als exzellent.

Garant für eine Karriere in Wissenschaft und Wirtschaft

Im Exzellenzcluster für Multimodal Computing and Interaction arbeiten Informatiker daran, Computersysteme zu entwickeln, die mit den Menschen auf natürliche Weise kommunizieren können. Sie sollen nicht nur Texte verarbeiten, sondern auch wie Menschen sehen und hören können. Dafür ist es erforderlich, dass die Computer mit ganz unterschiedlichen Arten von Informationen umgehen können. Es darf keinen Unterschied mehr machen, ob es sich um Sprache, Bilder, Videos, Grafiken und noch komplexere Datensätze handelt. Exzellenzcluster und die Saarbrücker Graduiertenschule für Informatik sind nicht die einzigen Institute auf dem Saarland Informatics Campus, dessen Keimzelle immer noch die Fakultät für Mathematik und Informatik bildet. Nur wenige Schritte entfernt forschen die Informatiker von sieben weiteren weltweit renommierten Forschungsinstituten. Neben den beiden Max-Planck-Instituten für Informatik und Softwaresysteme sind dies das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), das Zentrum für Bioinformatik, das Intel Visual Computing Institute und das Center for IT-Security, Privacy and Accountability (CISPA). Das rund 50 Kilometer, in Wadern sitzende Schloss Dagstuhl - Leibniz-Zentrum für Informatik, ein in der ganzen Welt berühmter Tagungsort für Computerwissenschaftler, gehört ebenfalls dazu. Alle Forscher der Institute lehren ebenfalls an der Universität des Saarlandes. Auf diese Weise bilden sie nicht nur den Saarland Informatics Campus, sondern auch Absolventen für eine internationale Informatik-Karriere in Wirtschaft und Wissenschaft aus. Momentan unterrichten sie rund 1900 Studenten aus mehr als 30 Nationen. Die deutschsprachigen Studenten bescheinigen ihnen dabei einen gewissen Erfolg. Regelmäßig erhalten sie von ihren Studenten in dem bundesweiten CHE-Ranking Spitzennoten. Ähnliche Hinweise gibt es auch für die geleistete Forschung: Die Konrad-Zuse-Medaille gilt als die höchste nationale Informatik-Auszeichnung und wird alle zwei Jahre von der Gesellschaft für Informatik vergeben. Vier der bisher 17 Preisträger lehren und forschen in Saarbrücken. Der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis, vergeben von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, gilt als wichtigster und höchst dotierter Forschungsförderpreis in Deutschland. Bereits sechs Informatik-Professoren in Saarbrücken durften ihn in Empfang nehmen. Auch in der Schwerstdisziplin Technologietransfer punktet der Saarland Informatics Campus. Seit 1995 fanden mehr als 90 Ausgründungen statt, im vergangenen Jahrzehnt haben die Forscher mehr als 130 Unternehmen zusammengearbeitet, darunter auch internationale Konzerne wie Samsung, IBM, EADS, Microsoft, Bosch, Airbus und Siemens. 2009 richtete sogar der US-amerikanische Halbleiterkonzern Intel unter dem Namen Intel Visual Computing Institute eine eigene Forschungsdependance auf dem Campus ein.

Alles begann mit einem Ruf nach Hamburg

Den Grundstein für diese Erfolgsgeschichte legt der Saarbrücker Mathematik-Dozent Günter Hotz bereits im Jahr 1969. Zwei Jahre zuvor entstehen die ersten Studiengänge für Informatik in Deutschland. Als Günter Hotz einen Ruf aus Hamburg erhält, muss die Landesregierung reagieren. Um ihn zu halten, bietet sie ihm den ersten regulären Lehrstuhl für Informatik an, ausgestattet mit vier Assistentenstellen. Noch heute ist die daraus entstehende Fachrichtung für Informatik der Brutkasten für sehr gute Informatik-Absolventen, die bereits während des Studiums in einem der nach und nach entstehenden Informatik-Forschungsinstitute arbeiten.

Den Anfang macht das deutsche Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz. Es siedelt sich im Jahr 1988 auf dem Campus an.

Zwei Jahre später wird das Max-Planck-Institut für Informatik gegründet, zehn Jahre später wird das Zentrum für Bioinformatik folgen. Dann erhört sich die Taktzahl. 2004 kommt das Max-Planck-Institut für Softwaresysteme hinzu. 2009 ist es der Exzellenzcluster, zwei Jahre später das Intel Visual Computing Institute und seit 2011 beherbergt der Saarland Informatic Campus auch das „Center for IT-Security, Privacy and Accountability“, kurz CISPA.

Es ist eines der drei Kompetenzzentren für IT-Sicherheit, das das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Deutschland eingerichtet hat. Das jüngste Saarbrücker Informatik-Institut ist inzwischen zu einem Forschungsstandort mit internationaler Sichtbarkeit geworden ist. 33 Gruppen mit 210 Forschern arbeiten dort. Weltbekannt wurde es auch, als drei CISPA-Studenten entdeckten, dass rund 40.000 Firmen-Datenbanken ungeschützt im Netz sind. Ein CISPA-Forscher ist sogar bereits von der US-amerikanischen Bundesbehörde FBI für seine Hilfe gegen einen mächtigen Cyberkriminellen ausgezeichnet worden. Die Universität des Saarlandes hat darüber sogar einen „Wissenschaftsthriller“ gedreht, in dem der Apple-Mitgründer Steve Wozniak einen kurzen Auftritt hat. Als zweite Episode von „Dr.Security“ gewann sie damit einen bundesweiten Wettbewerb für Wissenschaftskommunikation.

Hier geht's zur zweiten Folge von Dr.Security

„Wenn mir jemand vor 26 Jahren prophezeit hätte, dass wir heute so einen großen Informatik-Campus haben, ich hätte ihn einen Phantasten genannt. Aber es zeigt sich, dass der Weg, den wir vor 26 Jahren eingeschlagen haben, der richtige war.“, sagt Professor Kurt Mehlhorn, Gründungsdirektor des MPI.

Der nächste Meilenstein: Start-ups und Konzerne

Mit dieser Ballung ist es den Wissenschaftlern auf dem Saarland Informatics Campus möglich, sowohl Grundlagen zu erforschen als auch darauf aufbauend neue Anwendungen zu entwickeln. Mehr als 30 Forschungsthemen schreibt sich die Saarbrücker Informatik auf die Fahnen, angefangen bei Theoretischer Informatik, Formalen Methoden, Algorithmen und Komplexität, über Künstliche Intelligenz, Maschinelles Lernen, Computer Vision und Computer Graphics, Computerlinguistik bis hin zu Eingebetteten Systemen und Sprachverarbeitung.

Damit es noch mehr Ergebnisse aus den High-Tech-Projekten der Saarbrücker Informatik auf den Markt schaffen, damit sie Entwicklungslücken überstehen und schutzrechtlich abgesichert sind, ist seit Dezember 2013 Aufgabe des auf dem Campus beheimateten IT-Inkubators. Er wird durch die Mittel der saarländischen Landesregierung, der Universität des Saarlandes und der Max-Planck-Innovation GmbH finanziert. Er stellt einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einem noch größeren Ziel da:

Das Saarland soll mit Hilfe seiner herausragenden Informatikforschung zu dem in Europa führenden Industriestandort für Informations- und Kommunikationstechnologie werden.

Was 2009 mit der Ansiedlung des Intel Visual Computing Instituts begonnen hat, soll weitergehen. Durch die Ansiedlung von internationalen Forschungs- und Entwicklungslabors soll eine Struktur geschaffen werden, die viele weitere Unternehmen in das Saarland lockt und Tausende von neuen Arbeitsplätzen schafft. Die Saarbrücker Informatik steht deswegen im engen Kontakt mit der Landesregierung. Gemeinsam setzt man auf die folgenden Themen:   

IT-Sicherheit

Ihre wichtige Rolle wird immer offensichtlicher. Täglich machen spektakuläre Sicherheitslücken Schlagzeilen. Durch das Center for IT Security, Privacy, and Accountability (CISPA) auf dem Campus haben Firmen beste Voraussetzungen, um von zahlreichen Synergien in der Sicherheitsforschung profitieren zu können. Der Saarbrücker Studiengang Cybersicherheit sorgt für qualifizierten Nachwuchs.

Visual Computing

Der Bereich Visual Computing ist sicher einer derjenigen Bereiche, der am weitesten fortgeschritten ist in Bezug auf Kooperation der Forschungspartner und Industrieansiedlung: Das Max-Planck-Institut für Informatik, das Deutsche Forschungszentrum für künstliche Intelligenz, die Universität mit dem Exzellenzcluster „Multimodal Computing and Interaction“ und dem Master-Studiengang Visual Computing sowie die erfolgreiche Gründung des Intel Visual Computing Institutes schaffen eine kritische Masse, welche eine hohe Attraktivität für weitere Forschungspartner bietet. Microsoft Academic Search listet den Saarbrücker Max-Planck-Direktor Hans-Peter Seidel in der Liste der Top 10 Computergraphik-Forscher weltweit.

Big Data

Das sinnvolle und effiziente Durchsuchen von riesigen Datenmengen sowie die sinnvolle Verknüpfung von Daten, um gewünschte Informationen zu finden, bieten bereits heute ein großes Potential für kommerzielle Anwendungen. Die Saarbrücker Informatik ist auch in Forschungsgruppen in der Fachrichtung Informatik, dem Max-Planck-Institut für Informatik und dem Exzellenzcluster sehr gut aufgestellt für diese Disziplin.

Autoindustrie

Sowohl in großen Verbundforschungsvorhaben als auch insbesondere das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz bestehen sehr gute Kontakte zu den wichtigsten Vertretern der deutschen und europäischen Automobilindustrie.

Pharmazie

Insbesondere durch und über das Zentrum für Bioinformatik bestehen enge Verbindungen zur pharmazeutischen Industrie. Die Kooperationen betreffen die auf Algorithmen basierende Analyse und Diagnostik, überlappen sich aber auch durch das so genannte Virtual Screening aber auch mit dem Bereich des Visual Computing.

Semantisches Web

Computer Informationen so schnell und robust Informationen verstehen zu lassen, wie es Menschen seit jeher tun, ist seit Jahrzehnten bereits eine Herausforderung, der sich Konzerne wie Microsoft, Google, IBM stellen. Die Universität des Saarlandes und das Max-Planck-Institut für Informatik haben durch Doktorandenstipendien und gemeinsame Projekte bereits intensive Kontakte in diesen Bereich der Industrie etabliert.

Mit fortlaufend mehr als 500 Informatik-Forschern hat sich der Saarland Informatics Campus zu einem der führenden Standorte für Informatik in Europa entwickelt.Großes entsteht eben immer im Kleinen. 


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