Dr. Ferri Abolhassan, Geschäftsführer T-Systems, verantwortlich für die IT-Division und Telekom Security
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Wir Saarländer wollen der Digitalisierung unseren Stempel aufdrücken

Von IT-Gipfelmagazin Saarland • Interview mit Dr. Ferri Abolhassan, Geschäftsführer T-Systems, verantwortlich für die IT-Division und Telekom Security

Dr. Ferri Abolhassan leitet als Geschäftsführer von T-Systems die IT-Division mit rund 30.000 Mitarbeitern und 4.000 Kunden. Zudem verantwortet er im Telekom-Konzern das Geschäftsfeld Telekom Security. Im Interview erläutert der Saarbrücker Topmanager und Mitglied des Digitalisierungsrat des Saarlandes, welch großes Potenzial seine Heimat besitzt und mit welchen Angeboten T-Systems die Digitalisierung der hiesigen Wirtschaft voranbringt.

650 Views 29.09.2016

Herr Abolhassan, der 10. Nationale IT-Gipfel findet Mitte November in Saarbrücken statt. Für Sie eine gute Nachricht, oder?

Absolut! Es freut mich riesig, dass dieses bedeutende Branchentreffen mit der Politik zu seinem ersten Jubiläum in meine Heimatstadt kommt. Ich bin Saarbrücken seit meiner Geburt eng verbunden. Nach Stationen im In- und Ausland lebe ich heute wieder dort. Zudem ist das Saarland mit seinen innovativen Firmen und renommierten Forschungseinrichtungen ein wichtiger Standort in Sachen Digitalisierung. Besonders für die zweite Welle der digitalen Transformation besitzt das Saarland großes Potenzial: führende Unternehmen der Automobil- und Stahlindustrie. Know-how im Engineering und der Automatisierung. Dazu erfahrene ICT-Anbieter. Das sind beste Voraussetzungen um die digitale Zukunft aktiv zu gestalten. 

Welche Bedeutung hat der Standort für Ihr Unternehmen?

Eine wichtige! In der Saarregion arbeiten 1.200 Mitarbeiter unseres Konzerns. Unter anderem ist hier vor fünf Jahren die Idee für unser inzwischen TÜV-zertifiziertes Qualitätsprogramm Zero Outage entstanden. Mit diesem Programm machen wir ICT-Lösungen maximal zuverlässig und verfügbar – auch wenn es natürlich eine 100-prozentige Ausfallsicherheit niemals gibt. Gemeinsam mit namhaften Hard- und Softwarepartnern wollen wir Zero Outage jetzt zum branchenweiten Industriestandard für ICT-Qualität machen. Denn IT muss zuverlässig funktionieren. Sie bestimmt heute das Leben von uns allen, geschäftlich wie privat – egal, ob Sie Autoteile von ZF benötigen, mit der Saarbahn verreisen oder einfach nur die Saarbrücker Zeitung online lesen wollen.

Sie sind seit sechs Jahren Botschafter des Saarlandes. Was hat Sie zu diesem Engagement bewogen?

Das Saarland, kleinstes Flächenland der Bundesrepublik, wird gern etwas belächelt. Zu Unrecht! Es wird oft unterschätzt, welches Know-how, Potenzial und welche Ideen in diesem Land stecken. Beispiel Wirtschaft: Das Saarland ist das drittstärkste Automobilzulieferer-Zentrum in Deutschland. Von den 100 umsatzstärksten Zulieferern hat jeder sechste eine Niederlassung hier. Der Fahrzeugbau ist der herausragende Wirtschaftsfaktor an der Saar. Fast 50.000 Beschäftigte arbeiten in dieser Branche. Alle wichtigen Fahrzeughersteller nutzen saarländische Autoteile.

Auch die Forschungseinrichtungen müssen sich nicht verstecken, wie Sie eingangs erwähnt haben ...

Mitnichten. Wir verfügen im Saarland über eine ganze Reihe angesehener Institute. Dazu gehört das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, kurz DFKI, das etwa an intelligenten Benutzerschnittstellen forscht. Oder die Universität des Saarlandes mit ihren acht weltweit renommierten Informatik-Instituten. Hier wird nicht nur gelehrt und geforscht: Seit 1995 wurden fast 80 Unternehmen aus der Saarbrücker Informatik ausgegründet. Daher passt der IT-Gipfel perfekt ins Saarland.

Erst kürzlich haben Sie ein neues „Ehrenamt“ übernommen ...

Das ist richtig! Wir Saarländer wollen dem Megatrend Digitalisierung unseren Stempel aufdrücken. Dazu hat Ende August zum ersten Mal der Digitalisierungsrat in der saarländischen Staatskanzlei getagt. Zusammen mit sechs weiteren Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft darf ich unsere Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer in Fragen der digitalen Entwicklung beraten. Zu dem hochkarätig besetzten Gremium gehören auch August-Wilhelm Scheer, von der Scheer Group, Michael Hankel, ZF, Annette Kroeber-Riel, Google, Thomas Birr, RWE, Wolfgang Wahlster, DFKI, und Eva Maria Welskop-Deffaa, ver.di.

Womit beschäftigen Sie sich im Digitalisierungsrat?

Unsere zentrale Fragestellung lautet: „Was müssen wir tun, damit die Menschen im Saarland von der Digitalisierung profitieren?“. Dazu haben wir vier Schwerpunkte definiert, die wir in allen Facetten bearbeiten werden: Infrastruktur, Wirtschaft, Bildung und Lebensqualität. Wir möchten Anregungen geben, mit welchen digitalen Produkten die saarländischen Automobilzulieferer in Zukunft punkten können, wie digitale Arbeitsplätze gestaltet werden müssen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern, und wie vernetzte Maschinen den Menschen in der Produktion unterstützen können.

Welchen Beitrag leistet denn Ihr Unternehmen bei der fortschreitenden Digitalisierung?

Ich meine ohne Übertreibung behaupten zu können: einen ganz wesentlichen Beitrag. Mit unseren Angeboten ebnen wir nicht nur der saarländischen Wirtschaft den Weg ins Digitalzeitalter. Eine sichere und zuverlässige ICT-Technologie entscheidet heutzutage über den Erfolg fast aller Unternehmen. Wir haben die Erfahrung und das Know-how diese bereitzustellen: Die Digitalisierung erzeugt eine unvorstellbare Menge an Daten. In diesem Jahr sind es 9.000 Exabyte, das sind 9 Billionen Gigabyte. Mit unseren flexiblen Cloud-Lösungen ermöglichen wir es weltweit tätigen Großkonzernen – aber auch dem heimischen Mittelstand – überhaupt erst, diese riesige Datenflut erfolgreich zu managen. Wir bieten Service-Plattformen für das Internet der Dinge, um Produktionsprozesse zu digitalisieren. Wir verfügen über Rechenzentren, in denen sensible Unternehmensdaten maximal geschützt sind – wie unser Datencenter Biere, das wir aufgrund der großen Nachfrage jetzt ausbauen. Und mit unseren Lösungen aus dem Magenta-Security-Portfolio schützen wir die IT von Firmen jeder Größe – stationäre wie mobil. Beispiel „Mobile Protect Pro“: Wie ein Dauer-EKG prüft die selbstlernende App Smartphones und Tablets permanent auf Bedrohungen und Schadcodes. Infizierte Diensthandys etwa werden direkt aus dem Unternehmensnetzwerk ausgeschlossen. Die Spionagesoftware Pegasus, die jüngst iPhones bedrohte, hätte unsere Lösung frühzeitig erkannt. Auch ein Ende-zu-Ende-Sicherheitslösung für den Automobilsektor haben wir im Portfolio.

Was hat es damit auf sich?

Die Digitalisierung macht auch vor dem Auto nicht halt. Doch nur mit wirksamen Cyberschutz sind vernetzte Fahrzeuge auch auf der Datenautobahn sicher unterwegs. Unser Intrusion-Detection-System „ESLOCKS“ etwa erkennt eine Cyberattacke auf das Fahrzeug und leitet unmittelbar Abwehrmaßnahmen ein. Etwa, wenn Hacker versuchen, die Scheibenwischer bei heftigem Regen zu deaktivieren. Das selbstlernende System erkennt aber nicht nur Anomalien in einem einzelnen Pkw, sondern auch Auffälligkeiten über eine komplette Fahrzeugflotte hinweg. Diese Erkenntnisse münden dann in einem Sicherheitsupdate für sämtliche Firmenwagen.

Wo sehen Sie die größten Chancen für die deutsche Wirtschaft im Zuge der Digitalisierung?

Wenn wir ehrlich sind, haben wir die erste Halbzeit der Digitalisierung ein Stück weit verschlafen. Marketing und Service sind aber auch nicht gerade unsere Paradedisziplinen. Doch jetzt geht die Digitalisierung in die zweite Runde. Sie hat Bereiche und Branchen erreicht, in denen wir weltweit führend sind: Ingenieurskunst und Produktion. Anlagen- und Maschinenbau, Schwer- und Gebrauchsgüterindustrie, Pharma und Chemie. Hier können wir den Internetkonzernen aus Amerika und Asien Paroli bieten. Nach aktueller Prognose des Ifo-Instituts lösen wir China in diesem Jahr erstmals seit 2008 wieder als Exportweltmeister ab – mit einem Exportüberschuss in Höhe von 310 Milliarden Dollar. Das zeigt, wie stark unsere Wirtschaft ist. Jetzt müssen wir industrieübergreifend zusammenarbeiten und unsere Stärken bündeln. Es liegt viel Arbeit vor uns. Aber auch große Chancen! Auf dem IT-Gipfel können wir dafür die nächsten Weichen stellen.