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Saarland: Informatikland

Über Expertenwissen, die kooperative Kultur der Saarbrücker Informatiker und Kaffeetassenentfernung

Welcher Stellenwert kommt der Informatik im Saarland zu? Was macht die Informatik in Deutschlands kleinstem Bundesland so stark? Und welche Bedeutung hat die Informatiklandschaft des Saarlandes für den Nationalen IT-Gipfel? Antworten auf diese und andere Fragen hat Frau Dr.-Ing. Scherbaum, Geschäftsführerin des Cluster of Excellence on “Multimodal Computing and Interaction" in Saarbrücken.

613 Views 17.11.2016

Frau Dr. Scherbaum, freuen Sie sich auf den IT-Gipfel im November in Saarbrücken?

Sehr sogar. Ich halte es für einen tollen Erfolg, dass der IT-Gipfel nun in Saarbrücken stattfindet. Der nationale IT-Gipfel begreift sich ja als zentrale Plattform für die Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zur Gestaltung des digitalen Wandels. Das ist für das Saarland kein unbekanntes Thema: ausgehend von ursprünglich nur einem Lehrstuhl im Bereich der Informatik hat sich auf dem Saarbrücker Campus in den vergangenen Jahrzenten ein europaweit einzigartiger Wissenschaftsstandort für Informatik entwickelt. Der „Saarland Informatics Campus“ beheimatet heute mehr als 500 Informatik-Forscher aus über 30 Nationen in acht weltweit renommierten Forschungsinstituten. Hier wird der digitale Wandel also schon gelebt. Ein – wie ich finde – passender Rahmen für den IT-Gipfel.

Welcher Stellenwert kommt der Informatik im Saarland zu?

Als einer der drei Forschungsschwerpunkte der Universität des Saarlandes spielt die Informatik eine tragende Rolle für die Weiterentwicklung des Forschungsstandortes. Auf dem Saarbrücker Campus befinden sich acht Forschungsinstitute im Bereich der Informatik. Deshalb nennen wir den unteren Campus-Bereich mittlerweile auch „Saarland Informatics Campus“. Dazu gehören die Fachrichtungen für Mathematik und Informatik an der Universität des Saarlandes, das Max-Planck- Institut für Informatik, das Max-Planck-Institut für Softwaresysteme, das DFKI - Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, des CISPA - Kompetenzzentrum für IT-Sicherheit, das Zentrum für Bioinformatik, der Exzellenzcluster und das vom Halbleiterkonzern Intel eingerichtete Intel Visual Computing Institute. 

Damit hat sich im Saarland ein Knotenpunkt für Informatik-Forschung etabliert der weltweit anerkannte Experten aus mehr als 30 Forschungsbereichen beheimatet. Das zieht natürlich Talente aus aller Welt an und sorgt so ständig für hervorragend ausgebildeten Nachwuchs. Das ist in Zeiten des Fachkräftemangels nicht gerade selbstverständlich. Aber auch zum Innovationsstandort Saarland trägt die Informatik bei: Beispielsweise arbeiten die Forscher aus Saarbrücken eng mit zahlreichen Unternehmen weltweit zusammen. Innerhalb Deutschlands sind dies unter anderem Siemens, die adidas AG, die Deutsche Post AG, Airbus Operations und die BMW-Gruppe „Forschung und Technik“ in München. International arbeitet der Saarland Informatics Campus mit globalen Größen wie Microsoft, Adobe, Intel und Google zusammen. Auch für diejenigen, die lieber gründen wollen, um mehr Wirtschaftskraft im Saarland eigenhändig aufzubauen ist die Universität des Saarlandes hervorragend aufgestellt: Die Saar-Uni ist eine von deutschlandweit drei „Exist-Gründerhochschulen“ und auf dem Campus gibt es seit kurzem auch einen IT-Inkubator der Gründern hilft, Ihre Ideen und Prototypen bis zur Marktreife zu entwickeln.

In welchen Fächern ist die Informatik besonders stark?

Zwei sehr große Forschungsschwerpunkte auf dem Saarland Informatics Campus stellen beispielsweise die Bereiche IT-Sicherheit und Visual Computing dar. Die Rolle der IT-Sicherheit wird immer offensichtlicher. Täglich machen Sicherheitslücken Schlagzeilen. In Saarbrücken haben Experten auf diesem Gebiet sogar schon dem FBI geholfen, ein illegales Netzwerk zu Fall zu bringen. Und mit ihrem Expertenwissen bilden sie nun auch Studierende im Studiengang Cybersicherheit aus. Unter Visual Computing versteht man Methoden und Algorithmen die Informationen aus Bildern extrahieren, um deren Inhalte zu verstehen. Aber auch Methoden die beispielsweise  Bildmaterial aus 3-D-Modellen erzeugen und diese möglichst realistisch darstellen. Auch Themen wie das Semantische Web, Big Data Science, Industrie 4.0 sind am Standort stark vertreten. Eine vollständigere Themenübersicht halten wir stets aktuell auf unserer Saarland Informatics Campus Website bereit, zu finden unter http://www.sic.saarland.

Was macht die Informatik im Saarland so stark und woran liegt es, dass im Saarland solch ein geballtes Expertenwissen zu finden ist?

Einen Grund dafür sehe ich persönlich in der sehr kooperativen Kultur aller beteiligten Personen und Institute. Die Saarbrücker Informatik pflegt traditionell einen sehr starken Teamgeist. Ich schätze, das ist den Gründern des Fachbereichs zuzuschreiben, die bei der Auswahl ihrer Kollegen nicht nur auf fachliche Exzellenz geachtet haben, sondern auch auf die menschliche Komponente. Kernthemen werden hier gerne ausgiebig, oft auch kontrovers diskutiert. Aber eine Entscheidung wird immer gemeinsam gefällt. Das ist nicht an jedem Standort so üblich. Forscher, Fachbereiche und Aninstitute arbeiten hier tatsächlich Hand in Hand, nicht nur auf dem Papier. Und fachlich gesehen hat der Standort inzwischen nicht nur weltweit anerkannte Experten hervorgebracht sondern auch eine sehr große Bandbreite an informatik- oder informatiknahen Forschungsthemen erreicht. Man kann also direkt vor Ort schon sehr interdisziplinär arbeiten und neuen  Fragestellungen auf den Grund gehen. Ein gutes Beispiel ist da der Exzellenzcluster, an dem Computerlinguisten eng mit Informatikern zusammenarbeiten, beispielsweise um Interaktionen in Videos zu erkennen und zu verstehen. Wir nennen das gerne scherzhaft die “Kaffeetassenentfernung”: man findet zu fast jedem Themengebiet einen ausgewiesenen Informatik-Experten in Saarbrücken, den man fußläufig mit einer Tasse Kaffee in der Hand erreichen kann, ohne dass der Kaffee dabei kalt wird. Sucht man beispielsweise einen Experten im Bereich Computer Vision geht man schnell auf die andere Straßenseite und holt sich eine zweite Meinung oder die notwendige Expertise, um ein Problem zu lösen.

Welche Bedeutung sehen Sie in der Informatik für den IT-Gipfel?

Ich sehe die Funktion der Informatik hier als hauptsächlich beratend an, also als Einbringer von Expertenwissen und als Richtungsgeber. Die Saarbrücker Informatik-Forscher sind weltweit sehr vernetzt und tauschen sich mit anderen Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet regelmäßig aus. Mit den Jahren entsteht so auch in der Grundlagenforschung ein recht solider Weitblick. Man lernt relativ gut abzuschätzen, in welche Richtung sich ganze Forschungsfelder in den kommenden Jahren entwickeln werden, wo es neue Fragestellungen geben wird oder wo neue Themengebiete entstehen werden.

Und welche Bedeutung hat der IT-Gipfel umgekehrt für die Informatik?

Für die Informatik-Forscher ist der Austausch wichtig, der durch den IT-Gipfel entsteht. Die Möglichkeit, als Forscher in Kontakt mit Anwendern zu treten. Grundlagenforscher arbeiten in der Regel ja sehr zukunftsorientiert, also an den Themen von morgen. Dennoch ist es wichtig, den Ist-Zustand zu verstehen, Anwendungsszenarien und die Bedürfnisse der Gesellschaft zu kennen. Gleichermaßen ist für Unternehmen der Kontakt zur Forschung essentiell. Ich sehe im IT-Gipfel eine einmalige Gelegenheit, alle wichtigen Akteure nach Saarbrücken zu holen, damit sie sich die den „Saarland Informatics Campus“ und die damit verbundene Forschungs-Expertise aus nächster Nähe anschauen können. Unter Informatik-Forschern ist der Standort schon seit längerer Zeit weltweit ein Begriff. Man trifft sich auf Konferenzen und arbeitet gemeinsam an Publikationen, tauscht Personal aus. Aber bei Industrie-Besuchern erlebe ich es öfters, dass sie – einmal vor Ort ­– überrascht sind, welche geballte IT-Kompetenz hier auf dem Saarland Informatics Campus zu finden ist. Im kleinen Saarland wird das oft nicht vermutet. Mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) sind die meisten Unternehmen schon vertraut. Aber dass es daneben noch 7 weitere Forschungseinrichtungen gibt, mit insgesamt mehr als 500 Forschern nur in der Informatik, rechnen die Wenigsten. Das hinterlässt oft einen bleibenden Eindruck und führt auch nicht selten zu Kooperationsanfragen. Sogar der Halbleiterkonzern Intel hat eine Dependance auf dem Campus eingerichtet. Weil die Forschungsexpertise in Saarbrücken vorhanden ist, aber auch weil man hier sehr leicht hervorragend ausgebildete Nachwuchskräfte findet. Vielleicht ist der IT-Gipfel eine gute Gelegenheit für weitere IT-Konzerne, den Standort kennenzulernen und eventuell auch für ihre Unternehmen in Betracht zu ziehen.

In welchem Bereich sehen Sie besondere Chancen des diesjährigen Schwerpunktthemas des IT-Gipfels „digitale Bildung“?

Digitale Bildung ist auch für unsere Forscher ein Thema. Beispielsweise die Fragestellung, wie Interaktion mit digitalen Geräten im Bereich der Bildung und im Generellen zukünftig aussehen könnte. Am Exzellenzcluster befasst sich sogar ein Lehrstuhl mit diesem Thema. Also mit zukünftigen Formen der Interaktion zwischen Computer und Mensch. Dazu gehören Fragen wie: „Wie kann ich meine Inhalte leichter in Geräte eingeben?“. Heute kennen wir schon Touchscreens. Aber was passiert, wenn Geräte plötzlich biegbar werden? Oder Elektronikkomponenten winzig klein werden? Wenn Displays nicht mehr starr sind? Wenn sich die Ausgabemodalitäten verändern? Welche Interaktionsmöglichkeiten mit dem Computer ergeben sich daraus? Diese Fragen heute schon zu bearbeiten, und nicht erst sobald neue Geräte auf dem Markt sind, ist ein wichtiger Beitrag zur digitalen Bildung der Zukunft.

Welche Impulse erwarten Sie vom IT-Gipfel?

Der IT-Gipfel ist eine Plattform auf der sich mehrere Akteure im weiten Feld der IT treffen und miteinander austauschen. Interessant wird es sein, die Perspektiven aller Beteiligten kennenzulernen und Diskussionsforen zu besuchen. Daraus können wir Forscher ableiten, welche gesellschaftlichen Fragen zukünftig an Relevanz gewinnen werden. Und welche Techniken und Systeme die Industrie zukünftig benötigen wird. Das hilft auch den Forschern, ihre Themen der Zukunft zu definieren.

Schildern Sie Ihre Vision für die Entwicklung der Informatik (im Saarland) innerhalb der nächsten fünf Jahre.

Ich glaube, die Informatik wird vernetzter werden, stärker mit anderen Fachbereichen und Disziplinen verknüpft sein. Die Informatik diffundiert ja jetzt schon immer weiter in alle Bereiche unseres Lebens hinein. Systeme arbeiten zunehmend autonomer und datengetrieben. Wir sollten deshalb in den nächsten Jahren auch ein tieferes Verständnis für datengetriebene Lernalgorithmen entwickeln. Zurzeit kratzt man da ja eher an der Oberfläche. Es wird wichtiger werden, genauer zu verstehen, weshalb und wie exakt Lernalgorithmen funktionieren und welche Garantien man für autonome Systeme geben kann. Eine Herausforderung dabei wird sein, ausreichend große Datensätze für Forscher zugänglich zu machen. Unternehmen können ja teils gigantische Datenmengen durch eine breite Userbasis innerhalb kürzester Zeit generieren. Forschungsdatensätze sind hingegen in der Regel relativ klein und werden mühselig über Jahre hinweg gesammelt. Hier könnte man gemeinsam mehr erreichen. Auch eine fortlaufende kritische Auseinandersetzung mit den damit verbundenen ethischen Fragestellungen wird relevanter. Wie kann man Datenmissbrauch verhindern ohne gleichzeitig den Fortschritt zu verhindern? Also wie kann man die Privatsphäre von Usern schützen aber dennoch Userdaten auswerten? Und abschließend glaube ich, dass hier entwickelte Technologien zukünftig auch verstärkt ihren Weg in die Anwendung finden sollen und werden, etwa durch Unternehmensgründungen, Lizenzierungen oder auch Industriekooperationen. Mit dem kürzlich auf dem Campus eingerichteten IT-Inkubator sind die Chancen dafür gestiegen. 

Dr.-Ing. Kristina Scherbaum

Seit 2010 ist Kristina Scherbaum Geschäftsführerin des Saarbrücker Exzellenzclusters und des Kompetenzzentrums Informatik Saarland in Saarbrücken. Der Exzellenzluster beschäftigt fortlaufend etwa rund 150 Informatikforscher im Bereich „Multimodal Computing and Interaction“, darunter auch zahlreiche Nachwuchsforschergruppen. Unter dem Dach des Kompetenzzentrums Informatik Saarland bündeln sich die Aktivitäten der acht Forschungsinstitute mit seinen mehr als 500 Informatik-Forschern auf dem Saarland Informatics Campus in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und Anwendung.