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mobisaar - Mobilität für Alle

Von DFKI • Dr. Jan Alexandersson

Das Projekt mobisaar (Mobilität für Alle) baut auf den Ergebnissen des abgeschlossenen Projekts Mobia (Mobil bis ins Alter) auf und hat eine Ausdehnung des IT-gestützten Services für mobilitätseingeschränkte Menschen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) auf das gesamte Saarland zum Ziel.

658 Views 28.10.2016

Durch die bedarfsorientierte Entwicklung einer Kombination aus Dienstleistung und IT wurden mit Mobia seit 2011 in der Landeshauptstadt Saarbrücken Barrieren im ÖPNV abgebaut. Diese Dienstleistung besteht aus einer „helfenden Hand“, den sogenannten Mobilitätslotsen, die Fahrgästen zur Überwindung einer Barriere an den Knackpunkten des ÖPNVs gereicht wird. IT wird hierbei eingesetzt, um den Fahrgästen personalisierte Fahrtvorschläge zu liefern, die Dienstleistung zwischen Lotse und Fahrgast zu koordinieren und multimodale Zugangswege zu dem System bereitzustellen. In mobisaar werden neben Beschäftigten des öffentlich geförderten Arbeitsmarktes auch Ehrenamtliche und spontan freiwillige Lotsen teilnehmen, um die Dienstleistung noch besser auf die Mobilitätsbedürfnisse abzustimmen, zum Beispiel für den abendlichen Kinobesuch oder den Nahverkehr in ländlichen Regionen. Hierzu werden die bereits vorhandenen Zugangswege (Smartphone-Apps, Webseiten, Call-Center) sowie das dahinterstehende System weiter ausgebaut und um offene Schnittstellen erweitert, um die verschiedenen Typen von Mobilitätslotsen mit unterschiedlichen Rollen intelligent in den Dienstleistungsprozess zu integrieren.

Barrierefreiheit im ÖPNV

Fast elf Prozent der Saarländer sind mobilitätseingeschränkt. Mehr als die Hälfte davon sind in erheblichem Maße eingeschränkt, sodass die Nutzung des ÖPNVs für sie ohne Weiteres unmöglich ist. Nach den Vorgaben des Personenbeförderungsgesetzes (PBefG) muss bis zum Jahr 2022 durch eine vollständige Barrierefreiheit des ÖPNV auch diesen Belangen entsprochen werden. Hierbei gilt es, Barrieren an und um Haltestellen sowie Barrieren bei der Nutzung der verschiedenen Verkehrsmittel abzubauen. Der Ausbau aller existierenden Haltestellen im Saarland gemäß fest vorgegebener Richtlinien zur Barrierefreiheit ist für die Aufgabenträger ökonomisch sehr schwer abbildbar und vor allem im ländlichen Raum ein sehr ambitioniertes Ziel. Dabei beruht das Konzept des barrierefrei ausgebauten ÖPNVs auf einem one-size-fits-all Denkmodell, denn beispielsweise ein Fahrgast mit Sehbehinderung und ein Rollstuhlfahrer sehen sich in diesem System mit komplett unterschiedliche Barrieren konfrontiert, aber den Bedürfnissen Beider wird mit einem einheitlichen Konzept der Barrierefreiheit entsprochen. Basierend auf formalen Richtlinien ohne Wissen über den Fahrgast kann man daher nicht pauschal entscheiden, ob eine Komponente des ÖPNVs barrierefrei im Sinne einer Einschränkung der Mobilität ist, oder nicht. Dieses binäre Konzept der Barrierefreiheit wird der Realität nicht gerecht. Die Untermenge an Barrieren, die Fahrgäste in ihrer Mobilität einschränkt, ist nicht für alle gleich und lediglich der Fahrgast selbst kann und sollte diese Beurteilung abgeben.

IT als Katalysator und Enabler

Das Projekt mobisaar verfolgt die Vision, den Fahrgast innerhalb der Projektlaufzeit kurzfristig in die Lage zu versetzen, selbst über das Konzept der Barrierefreiheit zu entscheiden und damit auch mehr Kontrolle über die Einschränkung und vor allem Möglichkeiten der eigenen Mobilität zu erlangen. Denn dort wo der Fahrgast entscheidet, stehen die Möglichkeiten statt der Barrieren im Vordergrund. Dafür wird folgender Dreischritt angestrebt, in dem IT weniger als Lösung, sondern eher als Katalysator und Enabler auftritt: (1) Eine feingranulare Bereitstellung relevanter Informationen, (2) die intelligente Unterstützung beim Routing basierend auf diesen Informationen und (3) die effiziente Koordination menschlicher Dienstleistungen an Schlüsselstellen.

Feingranulare Bereitstellung relevanter Informationen

In der Regel kann der Fahrgast selbst am besten entscheiden, ob eine Route von A nach B für ihn barrierefrei ist oder nicht, sofern er über die nötige Informationsgrundlage verfügt. Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung und zunehmenden Vernetzung sowie der Interoperabilität von Systemen kann mit Recht verlangt werden, dass sowohl bewegliche – Verkehrsmittel – als auch statische Komponenten – Haltestellen – des ÖPNVs semantisch modelliert werden und diese Information allgemein zugänglich gemacht wird. Entscheidend ist es hier, über eine binäre Modellierung bezüglich Barrierefreiheit hinauszugehen, um sowohl dem Bürger eine autonome Entscheidung zu ermöglichen, als auch die Interoperabilität basierend auf offenen digitalen Schnittstellen nicht einzuschränken. Denn nur wenn der Fahrgast weiß wieviel Platz zwischen Bordsteinkante und Unterstand ist, kann er abschätzen, ob er mit den Abmessungen seines Elektrorollstuhls im Regen stehen bleibt und nur wenn diese Information digital bereitgestellt wird, kann aus der Kopplung von Wetterbericht und Fahrplaninformation ein Mehrwert entstehen. Hierzu wird mobisaar-World entwickelt, eine Datenbank zur semantischen Modellierung der ruhenden und rollenden Infrastruktur. Diese Datenbank wird zunächst durch eine Haltestellenerfassung im Auftrag der Landesregierung befüllt und anschließend über die bestehenden Benutzerschnittstellen durch professionelle, ehrenamtliche oder einfach interessierte Nutzer des Systems gepflegt und am Leben gehalten.

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Intelligentes Routing

Das Koordinationssystem (mobisaar-Backend) bildet den technischen Kern von mobisaar. Hier laufen die Anfragen der Fahrgäste zusammen und basierend auf individuellen Präferenzen werden geeignete Route berechnet. Dabei werden Daten verschiedener Quellen integriert: Informationssysteme für Fahrpläne, Routen, Verspätungen, Beschaffenheit von Haltestellen und Fahrzeugen sowie Geo-Informationen. Das Ergebnis ist eine Route, die speziell auf den jeweils anfragenden Fahrgast zugeschnitten ist. Sollte keine Route gefunden werden, die dem Fahrgast ermöglicht selbstständig von A nach B zu gelangen, werden die Mobilitätslotsen eingesetzt.

Koordination menschlicher Dienstleistungen

Der Fahrgast entscheidet selbst, an welchen Ein-/ Aus- und Umstiegen der Fahrt der Lotsen-Service in Anspruch genommen werden soll. Um die begrenzte Anzahl der Lotsen saarlandweit optimal zu nutzen, plant das System den Point-of-Service und berücksichtigt dabei sowohl die zeitliche als auch die räumliche Verfügbarkeit von Lotsen und fragt diese auch an. Dafür wird eine robuste und vertrauenswürdige Technologie zur Bestimmung der Position von Fahrgästen und Lotsen entwickelt, die die Privatsphäre des Einzelnen berücksichtigt und trotzdem eine reibungslose Dienstleistung ermöglicht.

Im Zentrum steht dabei die menschliche Dienstleistung der mobisaar-Lotsen. Sie unterstützen die Fahrgäste indem sie nicht zuletzt die Menschlichkeit im System verkörpern: als Gesprächspartner, als Orientierungshilfe oder einfach als Sicherheit. Die mobisaar-Lotsen helfen den Fahrgästen an entscheidenden Wegpunkten von der Haustür bis zum Wunschziel. Dadurch können Fahrgäste wieder am sozialen Leben teilhaben wie zum Beispiel auf dem Weg zum Einkaufen, zum Arzt, zur Bank und zu Behörden, zu Bekannten, Freunden, Verwandten und zu Kulturveranstaltungen. Menschen, die sich ehrenamtlich in mobisaar engagieren, bringen ihre vielfältigen Erfahrungen aus Berufsleben und Familienarbeit ein, um Hilfebedürftige zu begleiten. Die mobisaar-Lotsen werden individuell nach einem Schulungskonzept eingearbeitet, fachlich begleitet und tauschen sich untereinander aus.

Der Zeitplan

Neben vier weiteren Projekten wurde mobisaar vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Wettbewerb „Innovationen für Kommunen und Regionen im demografischen Wandel – InnovaKomm“ aus einem Pool von insgesamt 140 Bewerbern ausgewählt. Die fünf Projekte werden seit dem 1. November 2015 mit rund 23 Mio. Euro gefördert. Das finanzielle Volumen des Projektes umfasst 8,09 Mio. Euro. Der Förderanteil des BMBF beläuft sich auf 59 % (rund 4,8 Mio. Euro). Das Projekt startete im Frühjahr 2016 in Saarbrücken. Dabei wurde zunächst der bestehende Mobia-Service weitergeführt. Mitte des Jahres wurde der mobisaar-Service auf den Regionalverband ausgedehnt. In den Jahren 2017 bis 2019 werden die einzelnen Landkreise sukzessive in das Projekt einbezogen, so dass ab 2020 ein saarlandweites Angebot vorhanden ist. Dieses Modell kann nach Abschluss des Forschungsprojektes auch auf andere Regionen in Deutschland und der Großregion SaarLorLux übertragen werden. Das Konzept von mobisaar wird nach Abschluss des Vorhabens durch den Projektpartner B2M Software weiter vermarktet.

 

Ansprechpartner

DFKI

Dr. Jan Alexandersson

Campus D3 2, Stuhlsatzenhausweg 3

66123 Saarbrücken

Telefon: 0681/85775-5347

E-Mail: Jan.Alexandersson@dfki.de

www.dfki.de