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Interview

Wir brauchen eine europaweite Aufholstrategie

Von IT-Gipfelmagazin Saarland • Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer und Prof. Dr. Wolfgang Wahlster im Gespräch

Bildung ist zugleich Gegenstand der Digitalisierung und auch Voraussetzung für den Erfolg der digitalen Transformation in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Die Digitalisierung der Bildung ist damit auch als Kernthema in den Fokus des Nationalen IT-Gipfels gerückt. Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer und Prof. Dr. Wolfgang Wahlster gehören zu den Protagonisten des diesjährigen IT-Gipfels. Im Gespräch mit ihnen geht es darum, welche Chancen und Herausforderungen sich in den verschiedenen Segmenten unserer Gesellschaft ergeben.

784 Views 09.11.2016

Prof. Wahlster, Sie sind der Vorsitzende der Geschäftsführung und Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) GmbH. Inwieweit werden Technologien der  Künstlichen Intelligenz unsere Unternehmen und damit auch die Arbeitswelt verändern?

Künstliche Intelligenz (KI) ist heute im Lebens- und im Arbeitsalltag angekommen: Ob Sie auf dem Smartphone Sprachassistenzsysteme nutzen, um ein Restaurant in der Nähe zu finden, sich eine koreanische Webseite auf Deutsch übersetzen lassen, in Ihrem Fahrzeug Autopilotfunktionen aktivieren oder ob der Versuch einer betrügerischen Nutzung Ihrer Kreditkartendaten vereitelt wird, immer steckt Künstliche Intelligenz dahinter. Aber für uns in Deutschland ist Künstliche Intelligenz nicht nur als persönlicher digitaler Assistent wichtig, sondern entscheidend, um die nächste Stufe der Digitalisierung unserer Wirtschaft zu erreichen.
Zukunftsprojekte der Bundesregierung wie „Industrie 4.0“, „Smart Service Welt“ und „Autonome Systeme“ nutzen massiv den Fortschritt auf dem Gebiet der KI. So ist in Deutschland eine neue Generation von kollaborativen Robotern entstanden. Diese müssen nicht mehr in Käfige eingesperrt werden, um die Fabrikarbeiter in der Nähe vor ihnen zu schützen. Solche Leichtbauroboter mit humanoidem Ausweichverhalten sind heute bereits in der Automobilmontage erfolgreich im Einsatz. Der Durchbruch des maschinellen Lernens mithilfe des Deep Learning mit mehrschichtigen neuronalen Netzen hat nochmals einen Entwicklungsschub in der Künstlichen Intelligenz ausgelöst, weil jetzt die Auswertung von Sensordaten ohne Programmieraufwand durch Lernverfahren oftmals mit hoher Qualität automatisch erledigt werden kann. Mit den Fortschritten der KI wird es in den nächsten Jahren möglich, sogar Montageteams von mehreren Werkern und Robotern mit verschiedenen Fähigkeiten zu bilden, die beispielsweise die sehr anstrengende Überkopfarbeit bei der Ausstattung von Flugzeug-Flügeln reduzieren.

… und warum ist in diesem Kontext das Thema Bildung so wichtig?

Jetzt geht es darum, die neue Ultrakonnektivität zwischen Billionen von Sensoren und Aktuatoren über Künstliche Intelligenz mit maschinellem Lernen und semantischen Technologien zu nutzen, um kognitive Systeme auf den Markt zu bringen, welche eine Digitalisierung mit „Sinn und Verstand“ ermöglichen. Diese neuen Generationen cyber-physischer Produktionssysteme und autonomer Systeme müssen geplant, produziert und gewartet werden. Dazu brauchen wir extrem gut ausgebildete Mitarbeiter aller Fachrichtungen, die aber zusätzlich sehr gute IT-Kenntnisse sowie Grundkenntnisse der Künstlichen Intelligenz, z.B. in semantischen Technologien, maschinellem Lernen und der Sprach- und Bildverarbeitung haben müssen. Gefragt wird in Zukunft weniger das reine Faktenwissen sein, weil das durch digitale Assistenten mit extrem großen und ständig aktualisierten Wissensbasen über das Internet gezielt bereitgestellt werden kann, sondern das tiefe modellbasierte und theorie-geleitete Verständnis sehr komplexer technischer Zusammenhänge auch über Disziplingrenzen hinweg. Die Mitarbeiter werden zukünftig routinemäßig KI-Systeme zur Analyse technischer Massendaten, zur prädiktiven Wartung und zur Fehlfunktionsdiagnose einsetzen. Dabei werden sie vermehrt auch Datenbrillen und andere Wearables einsetzen, um sich vor Ort relevante Information für die Aufgabe mobil einspielen zu lassen.

Prof. Scheer, als Wirtschaftsinformatiker und Unternehmer kennt man Sie als Mahner der deutschen und europäischen Wirtschaft und besonders der ITK Industrie, die immer wieder droht, im Wettbewerb das Nachsehen zu haben. Was müssen deutsche Unternehmen tun, damit sie die neue Welle der Digitalisierung als Chance  nutzen und aktiv gestalten?

In diesem Jahr wird mit Kommissar Oettinger die wichtigste Repräsentationsfigur des IT Sektors der EU beim Nationalen IT-Gipfel anwesend sein. Dieses zeigt ganz deutlich, dass wir viele IT Fragen, etwa Fragen der Infrastruktur oder der Standards, nicht mehr nur aus Deutschland national bestimmen können, sondern dass wir hier mindestens eine europaweite Abstimmung und eine konzertierte Aktion benötigen. Nur so können wir uns gegen die Übermacht der großen IT Anbieter aus Amerika und Asien wirksam verteidigen. Wir haben in Europa und auch in Deutschland einen sehr großen Markt für IT Anwendungen, aber wir spielen auf der Anbieterseite bei Hard- und Software, gemessen an unserer Marktbedeutung,  eine zu geringe Rolle. Es darf nicht sein, dass die USA den Brain liefern, Asien produziert und Europa nur kauft.
Dieses können wir nur durch eine europaweite Aufholstrategie ändern, mit dem Ziel, unsere Kompetenzen einzubringen, um eine Führungsrolle auf dem IT Sektor einzunehmen. Das ist nicht nur für die IT Industrie erforderlich. Durch Entwicklungen wie Industrie 4.0 sehen wir, dass auch unsere klassischen Branchen, in denen wir führend auf dem Weltmarkt sind, durch die IT verändert werden. Und wenn wir nicht in Deutschland und Europa über die entsprechende IT Kompetenz in Hard- und Software verfügen, können wir diese Branchen nur durch Kooperationen mit den USA und Asien modernisieren. Das heißt, wir sind abhängig und nicht mehr an der Spitze der Entwicklung. Wir müssen aber genau diese Führungsrolle in unseren erfolgreichen Branchen behalten und ausbauen, und das geht nur mit einer entsprechende Digitalisierungskompetenz.

…..Welche Rolle kann und muss hier die Politik spielen?

Politische Instanzen beeinflussen den Ausbau der Infrastruktur, definieren Rahmenbedingungen und sind selbst große Anwender. Das Feld ist weit, aber einige Herausforderungen sind ganz offensichtlich: Die Politik kann zum Beispiel den notwendigen Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur durch ehrgeizige Projekte und Ziele fördern. Auch Im Bereich des E-Government liegen noch große Aufgaben vor uns. Es müssen Hemmnisse abgebaut und bundesweit einheitliche Systeme eingeführt werden. Wichtig wäre auch, die zu begrüßenden Einzelinitiativen verschiedener Bundesministerien und Länder zur Digitalisierung stärker abzustimmen, um mehr gemeinsame Schubkraft zu entfalten. Der Staat sollte nicht zuletzt seine Rolle als Leitinvestor wahrnehmen, damit Schlüsselkompetenzen, etwa aus dem Bereich der Sicherheit und Resilienz von wirtschaftlich kritischen Infrastrukturen, ausgebaut werden können.

Prof. Wahlster, wie muss sich die Forschungslandschaft verändern, um ihre Führungsposition zurückzugewinnen, wo sie gefährdet ist, und um sie auszubauen, wo man die Nase vorn hat?

Deutschland besitzt mit seinen Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen weltweit anerkannte Voraussetzungen, um auch bei der Digitalisierung mit führend sein zu können. Aber staatlich finanzierte Forschungsinstitutionen müssen der Geschwindigkeit der Digitalisierung noch engagierter folgen und dafür sorgen, dass ihre Ergebnisse schneller in Anwendungen in Form von Produkten und Prozessen umgesetzt werden. Ausgründungen müssen intensiver motiviert, besser unterstützt und ihr Erfolg muss bei den Mutterinstituten spürbar und nicht nur symbolisch belohnt werden.
Es stimmt, die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und öffentlicher Forschung hat sich verbessert und bietet eine gute Grundlage für die notwendige Verstärkung der Innovationskraft in Deutschland. Aber um Spitzenkräfte auch in den besonders effizienten kleinen und mittleren Forschungsinstituten halten und anwerben zu können, müssen entsprechende Gehälter angeboten werden können. Dazu muss das Wissenschaftsfreiheitsgesetz auf alle Forschungsinstitutionen im Bereich der Digitalisierung ausgedehnt werden und nicht ein Privileg von wenigen Großen bleiben.
Und schließlich sollte im Sinne eines hochdynamischen Forschungsmittelstandes das Modell fachlich fokussierter Public-Private-Partnership-Einrichtungen bezüglich der Förderbedingungen mit den Großforschungseinrichtungen gleichgestellt werden. Ich bin sehr optimistisch, dass wir mit diesen Maßnahmen die exzellente Forschungskompetenz erhalten und zukunftssicher ausbauen können.

Prof. Scheer, was muss sich in unserem Bildungssystem ändern, damit die Menschen die zunehmend von der Digitalisierung geprägte  Gesellschaft als echte Chance wahrnehmen können?

Deutschland hinkt bezüglich der Digitalisierung des Bildungssystems hinter anderen vergleichbaren Ländern hinterher. Dieses muss grundlegend geändert werden. Die Einsicht dazu wächst. Es geht nicht darum, Technologie um ihrer selbst willen einzuführen, sondern darum, die großen Fortschritte der digitalen Bildung wie Zeit- und Ortsunabhängigkeit des Lernens sowie die stärkere Individualisierung der Lernformen und Lerninhalte zu nutzen. Von der Individualisierung können alle Lernenden profitieren, indem sich das digitale Lernangebot an ihre Bedürfnisse anpasst. Auch außerhalb der formalen Bildungsgänge wird das digitale Lernen immer wichtiger. Dort müssen die Voraussetzungen für lebenslanges Lernen geschaffen werden, ebenso wie die Voraussetzungen für Kooperationsmodelle zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bildungssystem, insbesondere für die Weiterbildung. Es geht darum, die wichtigste Ressource, die wir in Deutschland haben, nämlich unsere klugen Menschen und ein noch funktionierendes Bildungssystem, an die Zukunft anzupassen. Das Ziel ist die digitale Bildungsrepublik Deutschland. Wir müssen zudem dafür sorgen, dass die unterschiedlichen Bildungsstufen, also Schule, Hochschule, Ausbildung, Meisterschule und Weiterbildung - bis hin zum lebenslangen Lernen - ineinandergreifen. Insofern ist die Einführung einer datensicheren und datengeschützten  Bildungs-Cloud, die den Menschen ein Leben lang begleitet, bei der persönlichen Bildungsplanung unterstützt, Zugänge zu Lernmöglichkeiten bietet und Bildungsergebnisse dokumentiert, ein Weg, den wir in der Zukunft gehen müssen.

Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer
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