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Experten­interview

"Kernthemen in die Öffentlichkeit tragen"

Von IT-Gipfelmagazin Saarland • Dr. Bernhard Rohleder im Interview

Als Gründer und Hauptgeschäftsführer des Bitkom e.V. ist Dr. Bernhard Rohleder ein echter Experte im Bereich der digitalen Transformation. Für das IT-Gipfelmagazin spricht er über die Rolle des Verbandes im Gipfelprozess, seine Erwartungen an den Gipfel, das Schwerpunktthema Digitale Bildung sowie über Zukunftsvisionen.

1.256K Views 19.08.2016

Herr Dr. Rohleder, welche Aufgaben und Ziele verfolgt der Bitkom?

Der Bitkom steht für die digitale Wirtschaft. Wir vertreten 2400 Unternehmen mit fast einer Million Beschäftigten in Deutschland, die 150 Milliarden Euro Umsatz im Inland machen und Exporte von 50 Milliarden Euro realisieren. Unsere Kernaufgabe ist es, bei der digitalen Transformation, die jetzt alle Branchen und die Gesellschaft in Deutschland ergreift, ganz praktisch zu helfen. Wir wollen dabei auch Hinweise geben, wie sich politische Rahmenbedingungen optimieren lassen, so dass diese digitale Transformation auch tatsächlich gelingen kann.

Welche Rolle nimmt der Bitkom in Bezug auf den IT-Gipfel ein?

Wir sind als Bitkom in den Arbeitsgruppen bzw. in den Plattformen und Foren des IT-Gipfels sehr aktiv. Dort versuchen wir dazu beizutragen, dass Themen und Projekte kompetent bearbeitet und dann auch erfolgreich umgesetzt werden.

Welchen Beitrag kann der Bitkom zum Gelingen des IT-Gipfels leisten?

Wir können über die Mitarbeiter aus unserer Geschäftsstelle, aber auch durch die Kompetenz, die wir im Bitkom in über 150 Arbeitskreisen, Task Forces und Projektgruppen gebündelt haben und an denen sich mehr als 10.000 Experten unserer Mitgliedsunternehmen beteiligen, zum Gelingen des Gipfels beitragen. Das ist der größte Think Tank, den es rund um Digitales in Europa gibt. Diese Expertise können wir dem IT-Gipfel und damit auch jenen Branchen zur Verfügung stellen, die sich jetzt mit Digitalisierung befassen und die vor der herausragenden Aufgabe stehen, ihre bisherigen tradierten Geschäftsmodelle digital umzubauen.

Welche Chancen für die ITK-Branche sehen Sie im IT-Gipfel?

Der IT-Gipfel ist einerseits Treffpunkt der Branche und all derer, die in der IT-Branche meinungsbildend sind. Zum anderen kann sich die Branche dort zeigen und deutlich machen, was sie für Wirtschaft und Gesellschaft leisten kann. Wir haben die Hoffnung, dass beides auf dem IT-Gipfel gelingt: zum einen die Plattform für die digitale Wirtschaft im Rahmen des IT-Gipfels auszubauen und zum anderen den IT-Gipfel als Leistungsschau der digitalen Wirtschaft deutlich sichtbar zu machen.

Welche Erwartungen haben Sie persönlich an den IT-Gipfel?

Meine Erwartung ist, dass es gelingt, die beiden großen Kernthemen, Bildung und digitale Transformation, über den IT-Gipfel in die breite Öffentlichkeit zu tragen. Dazu gehört auch, im Rahmen des IT-Gipfels Showcases zu zeigen, die absolut beispielhaft sind. In diesem Zusammenhang fällt mir das Beispiel einer Smartschool ein, die wir in Saarbrücken in diesem Sommer ausbauen und die mehr sein wird als das, was wir an anderen Stellen bisher eher bruchstückhaft haben. Hier soll nicht nur Ausstattung in die Schule gebracht, sondern gleichzeitig sollen Schüler, Lehrer, Elternschaft und Schulleitung mitgenommen werden. Über didaktische Konzepte wollen wir dafür sorgen, dass das, was technisch möglich ist, auch im Unterricht umgesetzt werden kann.

Ich erwarte, dass das Thema Bildung beim IT-Gipfel herausragen wird. Das zweite Thema, die digitale Transformation, der Aufbau digitaler Ökosysteme, muss stark in das Bewusstsein der Öffentlichkeit und auch in das Bewusstsein in den Führungsetagen mittelständischer Unternehmen getragen werden. Die Rede ist hier von digitalen Hubs rund um die Leitbranchen der deutschen Wirtschaft, von der Mobilität über die Logistik bis hin zum Bankenwesen. Beim IT-Gipfel 2016 wollen wir den Startschuss für eine breite, international angelegte Kampagne für den Digitalstandort Deutschland geben.

Wie bewerten Sie die Wahl des diesjährigen Schwerpunktthemas des IT-Gipfels „digitale Bildung“?

Das Thema “digitale Bildung” hat herausragende Bedeutung. Dies gilt nicht nur für unsere Branche und diejenigen, die sich am IT-Gipfel beteiligen, sondern letztlich für alle Unternehmen bis hin zum Handwerk oder beispielsweise zu niedergelassenen Ärzten, da IT-Kompetenz jetzt auch in die Werkstatt und in die Arztpraxis oder das Behandlungszimmer Einzug erhält.

Hierfür müssen wir digitale Kompetenzen ausbilden. Dies muss bereits in der Schule beginnen und sich durch das gesamte Berufsleben fortsetzen. Dieses Thema stark zu machen, ist eine Mammutaufgabe, da wir in Deutschland die Zuständigkeiten für die Bildung extrem breit verteilt haben. Wir reden von einer globalen digitalen Wirtschaft, von einer globalen digitalen Gesellschaft und wir betreiben Bildungspolitik primär als lokale oder regionale Politik. Das passt nicht zusammen. Wir hoffen, dass das Saarland eine Vorreiterrolle im Kontext der 16 Bundesländer einnehmen wird.

Was sind nächste Schritte zur Bewältigung dieser „Mammutaufgabe Digitale Bildung”?

Wir müssen zunächst das Henne-Ei-Problem lösen, das darin besteht, dass die benötigte Grundausstattung in den Schulen fehlt, die wir brauchen, um digitale Technologien erstens didaktisch-pädagogisch im Unterricht einzusetzen und zweitens aber auch in ihrer Funktionsweise zu vermitteln. Es fehlt also die Technologie zum einen und zum zweiten fehlt auch die Kompetenz der Lehrerschaft, diese Technologien dann auch tatsächlich im Unterricht zum Einsatz zu bringen. Hier zeigt immer der eine mit dem Finger auf den anderen: Derjenige, der die Technologie nicht einsetzen kann, zieht sich zurück in dem er sagt: “Es fehlen Geräte und Anwendungen.” Und derjenige, der für die technische Ausstattung der Schulen verantwortlich ist, sagt: „Die Lehrer wissen gar nicht, wie sie mit neuen Medien umgehen sollen, also kann man sich das auch sparen.“

Ein erster Schritt wäre, dass wir diese Technologien in allen Schulen flächendeckend ausrollen und für einen entsprechenden Service sorgen. Der zweite Schritt ist, dass wir digitale Kompetenzen standardmäßig in die Lehrerausbildung und in die Lehrerfortbildung einbauen. Wir müssen außerdem dafür sorgen, dass das Wissen der Beschäftigten, die bereits im Job sind, um digitale Kompetenzen ergänzt wird. Hier sind sowohl die Wirtschaft als auch private Bildungsträger gefordert, die einschlägige Angebote machen müssen. Nicht zuletzt ist aber auch der Beschäftigte selbst gefordert, der durchaus auch eine Hol-Schuld hat, die darin besteht, existierende Bildungsangebote wahrzunehmen und im Bedarfsfall auch bei seinem Arbeitgeber einzufordern.

Welche Handlungsfelder der digitalen Agenda der Bundesregierung halten Sie darüber hinaus für besonders wichtig?

Gerade im Zusammenhang mit der digitalen Bildung und der Grundausstattung in Schulen haben digitale Infrastrukturen große Bedeutung. Neben der Frage, wie wir mit den Technologien umgehen und wie wir die Wirtschaft umbauen, müssen wir natürlich auch die infrastrukturellen Voraussetzungen für die digitale Welt schaffen. Dazu zählen der Breitbandausbau sowie intelligente Netze im Bereich des Verkehrs und der Energieversorgung, des Gesundheitswesens, der öffentlichen Verwaltung sowie eben im Bereich der Schul- und Hochschulnetze.

 „Digitale Infrastrukturen“ waren eines der ersten Schwerpunktthemen in der Folge von jetzt zehn Nationalen IT-Gipfeln. Auf diesem Gebiet ist bereits vieles aus den IT-Gipfeln heraus entstanden. So ist Deutschland in Europas beispielsweise Vorreiter beim Ausbau der LTE-Netze. Das haben wir vor allem dem IT-Gipfel zu verdanken. Wir haben hier eine Plattform, auf der Politik und Wirtschaft zusammenkommen, wo die Politik einen Rahmen setzt und über eine entsprechende Frequenzpolitik und Frequenzvergaben die Voraussetzung dafür schafft, dass die Unternehmen aktiv werden können. Die Unternehmen investieren in Folge acht Milliarden Euro in den Breitbandausbau pro Jahr. Das ist enorm und das macht in dieser Form keine andere Branche.

Beschreiben Sie ihre persönliche Vision für die Zukunft der Digitalisierung in Deutschland.

Zurzeit befinden sich alle Volkswirtschaften und alle Gesellschaften auf dem Weg in die Digitale Welt - manche davon mit einem unglaublichen Tempo und mit einer enormen Kraft und Energie. Meine Vision ist es, dass wir uns in Deutschland nicht weiter im Mittelfeld der großen Wirtschaftsstandorte und Gesellschaften bewegen, sondern dass wir an Geschwindigkeit zulegen. Meine Vision ist, dass wir nicht nur mitlaufen, sondern dass wir uns an die Spitze der digitalen Bewegung setzen.

In zehn, 15 oder 20 Jahren wird der Umbau der bislang primär analogen Wirtschaft zu einer digitalen Wirtschaft weitgehend abgeschlossen sein. Ich stelle mir vor, dass wir dadurch Wertschöpfung zurückholen, die wir an Billiglohnstandorte - insbesondere in asiatischen Ländern - verloren hatten. Im Kontext der Digitalisierung und Industrie 4.0 wird Arbeit als Kostenfaktor weniger bedeutend, weil die Intelligenz in der Produktion an Bedeutung gewinnt. Als Hochlohnstandort Deutschland erhalten wir jetzt strukturelle Vorteile gegenüber den Niedriglohnstandorten. Diese Vorteile müssen wir ausspielen und so aus der Digitalisierung eine Gewinnergeschichte machen.

Dr. Bernhard Rohleder

Dr. rer. pol. Bernhard Rohleder hat den Bitkom e.V. Ende 1999 mit aus der Taufe gehoben und ist seitdem Hauptgeschäftsführer des Verbands.

Rohleder ist Mitglied des Beirats des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (Divsi) und der Jury des Gründerpreises „Made in.de“. Er vertritt die Branche unter anderem in den einschlägigen Gremien des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und im CeBIT-Messeausschuss. In der 17. Legislaturperiode war Rohleder Mitglied der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages „Internet und digitale Gesellschaft“.