© Jim Rakete | DFKI
Startseite > IT-Gipfel
Inter­view

Prof. Wahlster über Potenziale und Trends

Von IT-Gipfelmagazin Saarland • Professor Dr. Wolfgang Wahlster im Interview

Von Saarbrücken aus leitet Professor Wolfgang Wahlster mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI GmbH) die mit derzeit 478 Wissenschaftlern weltweit größte Forschungseinrichtung auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Im Interview spricht er über die Themen des IT-Gipfels, das Informatikland Saarland, neue KI Systeme und seine Zukunftsvisionen für die Umsetzung der Digitalen Agenda.

1.319K Views 22.06.2016

Herr Professor Wahlster, freuen Sie sich darüber, dass der IT-Gipfel dieses Jahr in Saarbrücken stattfindet?

Ja, selbstverständlich. Wir haben seit vielen Jahren versucht, den IT-Gipfel ins Saarland zu holen. Mein Kollege Professor Scheer und ich sind die beiden Vertreter aus dem Saarland, die zu allen neun bisherigen IT-Gipfel eingeladen waren und dort aktiv mitwirkten. Nur mit massiver Unterstützung der Landesregierung und vieler Fürsprecher im Bund, den Fachverbänden und der IT-Industrie ist in Berlin im letzten Herbst der Durchbruch gelungen, endlich den Gipfel ins Saarland zu bekommen, denn es gibt natürlich einen großen Wettbewerb der Standorte in Deutschland. Aber wir haben immer wieder gefordert, dass der IT-Gipfel im Saarland stattfinden muss, da wir nachweislich das Informatikland Nr. 1 sind, Saarbrücken die Stadt mit der höchsten Dichte an weltweit bekannten Spitzenforschern in der IT ist und wir sehr erfolgreiche und überproportional viele Spin-Off Unternehmen vorweisen können.

Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach der IT-Gipfel für Deutschland im Allgemeinen und für das Saarland im Speziellen?

Der IT-Gipfel wird von der Bundeskanzlerin selbst immer wieder besucht und mit wichtigen Botschaften bei ihrem Hauptvortrag aufgewertet. Und in den letzten Jahren bringt sie verstärkt Kabinettsmitglieder verschiedener Ressorts mit. Auf dem letzten Gipfel in Berlin sagte sie, dass man nun fast schon eine Kabinettsitzung abhalten könne. Außerdem kommen immer hochrangige Entscheider aus der IT-Wirtschaft - nicht nur die großen IT-Unternehmen und IT-Mittelständler, sondern bei den letzten IT-Gipfeln immer mehr auch IT-Anwendungsunternehmen bis hin zur Automobil- und Maschinenbauindustrie. Das ist eine einzigartige Chance, das Saarland einerseits mit seiner IT-Stärke Wirtschaftsführern, Investoren und politischen Entscheidern zu präsentieren und andererseits den Saarländern einen starken Impuls zu geben, ihre Heimat selbstbewusst als führendes Informatikland zu begreifen.

Was sind aus Ihrer Sicht Trendthemen, die dieses Jahr auf dem IT-Gipfel besprochen werden sollen?

Ich glaube, dass dieser zehnte IT-Gipfel im Jubiläumsjahr im Vergleich zu den vorangegangenen Gipfeln ein noch stärkeres Profil zeigen sollte. Wir arbeiten daher derzeit im Saarland in zahlreichen Abstimmungsrunden intensiv daran, dass wir neben dem sehr wichtigen Leitthema „Digitale Bildung“, was ja gesetzt ist, weitere aktuelle Themen einbringen können. Beim letzten IT-Gipfel ist deutlich geworden, dass Europa die erste Runde der Digitalisierung als das „Internet für den Endkunden“ an die USA verloren hat. Die Bundeskanzlerin hat deshalb klargemacht, dass es in der zweiten Runde jetzt darum geht, dass das Internet der Dinge und der Dienste in die Wirtschaft in ihrer ganzen Breite einzieht, besonders in unsere Fabriken, unsere Fahrzeuge und andere deutsche Exportschlager. Diese Digitalisierungsrunde ist noch nicht entschieden. Sollten wir in dieser zweiten Spielzeit jedoch auch verlieren, tritt für unsere Volkswirtschaft längerfristig ein riesiger Schaden ein. Wir haben somit jetzt eine neue Chance, die unbedingt genutzt werden muss. Kurz gesagt heißt das, dass wir Themen wie „Autonomes Fahren“ gerade hier im Saarland als enorm wichtig erkennen müssen. Die deutschen Unternehmen haben im Vergleich zu den USA derzeit noch einen riesigen Vorsprung in den Patenten in diesem Bereich. So liegt Bosch an allererster Stelle im Bereich der Patentsicherung für hochautomatisiertes Fahren, noch deutlich vor Firmen wie Google oder Apple. Ein weiteres Themengebiet ist das Smart Home und die intelligente Gebäudetechnik, das jetzt endlich im Markt zündet. Auch hier sind deutsche Hersteller, im Saarland beispielsweise die Firma Hager, international mit führend. Kunden in den USA oder China kaufen Miele Waschmaschinen, Grohe Armaturen für ihre Bäder, und Badkeramik von Villeroy und Boch. Die digital veredelte Hausausstattung mit vielen innovativen Diensten stellt eine zweite große Chance neben der Automobilbranche dar. Das vom Saarland aus gestartete Konzept der Industrie 4.0 ist zurzeit in aller Munde. Ich habe den Begriff ja erstmals im April 2011 bei meiner Moderation für den Hermes-Award auf der Hannover Messe erklärt. Wir sind Exportweltmeister im Maschinen- und Anlagenbau und im Saarland sehr stark in der Produktion tätig. Eine wichtige Innovation im Zusammenhang mit Industrie 4.0 sind Roboter, die über längere Zeit im Team mit menschlichen Werkern zusammenarbeiten. Auch industrielle Assistenzsysteme für die Fabrikarbeiter werden immer wichtiger, da der Mensch in unserem Konzept von Industrie 4.0 weiterhin im Mittelpunkt steht. Besonders beim Thema Mensch-Roboter-Kollaboration in der Produktion haben wir einen Vorsprung in Deutschland, der nun bei der globalen Umsetzung von Industrie 4.0 in kommerzielle Erfolge umgesetzt werden kann.

Das DFKI ist in all diesen Themen sehr aktiv.

Ja, es freut mich natürlich besonders, dass wir in all diesen Themen eine erneute Blütezeit der Künstlichen Intelligenz erleben. Das ist insbesondere für den Standort Saarland ein Alleinstellungsmerkmal, da das DFKI derzeit weltweit das größte Zentrum für dieses Spezialgebiet der Informatik ist. Wir bekommen täglich zahlreiche Anfragen und Kooperationswünsche aus der Industrie und von Behörden. Fünf weitere internationale Unternehmen wollen Gesellschafteranteile am DFKI erwerben, so dass wir erneut eine Kapitalerhöhung durchführen müssen. Dies basiert auf Trendthemen wie beispielsweise dem maschinellen Lernen, das wir in einem neuen DFKI-Kompetenzzentrum mit internationalen Spitzenkräften bearbeiten.

Warum ist der Standort Saarland für das DFKI so wichtig?

Im Saarland sind erstklassige Produktionsstätten und Zulieferer angesiedelt, die auch sehr offen sind für Innovation. Beispielhaft sind hier Firmen wie Bosch Rexroth, ZF Getriebe oder Festo zu nennen, die Innovation im Bereich der Industrie 4.0 zusammen mit dem DFKI vorantreiben. Das Unternehmen Globus ist eines der innovativsten Unternehmen, wenn es um neue Handelskonzepte geht: Unser gemeinsames Innovationslabor in St. Wendel ist zu einem Leuchtturm für diese gesamte Handelsbranche geworden. Zudem besteht ein exzellentes Netzwerk mit kurzen Wegen zur Landesregierung. Obwohl das Land recht klein ist, sind wir Saarländer in Berlin auf den wichtigsten Entscheidungsebenen doch sehr präsent. Gerade heute bestehen daher optimale Voraussetzungen für die notwendige enge Kooperation von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft, um auf der zweiten Digitalisierungswelle, die jetzt anrollt, erfolgreich zu reiten.

Können Sie Gründe für die führende Position des Saarlandes in der IT-Forschung nennen?

Die Gründe liegen darin, dass die Regierungen im Saarland schon sehr früh, nämlich bereits zu Beginn der 80er Jahre, begonnen haben, diesen Forschungsschwerpunkt massiv zu unterstützen. Außerdem hatten wir mit Professor Hotz auch einen der Väter der deutschen Informatik in dieser Startphase im Saarland, der eine sehr weitsichtige, auf Spitzenforscher ausgerichtete Berufungsstrategie verfolgte. Politisch wurde dieses Ziel von allen großen Parteien stets unterstützt. Das Umfeld besteht neben dem exzellenten Fachbereich Informatik an der Universität aus Instituten wie dem DFKI, den beiden Max-Planck-Instituten, CISPA und Schloss Dagstuhl – also einer einmaligen Konzentration international renommierter Forschungseinrichtungen. So ist unser Informatikcluster am IT-Standort Saarbrücken selbst im Silicon Valley in Fachkreisen bestens bekannt.

Was müsste aus Ihrer Sicht getan werden, um die Position im Saarland sogar noch weiter auszubauen?

Was wir brauchen, sind sicherlich noch weitere Ansiedlungserfolge. Wir müssen mit unseren Alleinstellungsmerkmalen, die wir ohne Zweifel haben, noch stärker versuchen, auch ausländische IT-Unternehmen für das Saarland zu gewinnen. Weiterhin müssen die bereits bestehenden Unternehmen des Saarlandes, besonders die mittelständischen Unternehmen, noch stärker aktiviert werden, so dass diese auch motiviert sind, in die Champions League mit vorzudringen. Bei einigen Unternehmen klappt das bereits sehr gut. Beispiele wie Hager, Kohlpharma und Hydac beweisen den starken Innovationswillen von saarländischen Mittelständlern. Andererseits gibt es auch noch eine zu aktivierende Menge von Mittelständlern im Saarland, die leider gedanklich noch nicht ganz so weit sind. Mit dem neuen Kompetenzzentrum Power4Production (P4P), das vom ZEMA und dem DFKI getragen wird, soll der Mittelstand im Produktionsumfeld noch stärker bei der digitalen Transformation unterstützt werden. Hier besteht nicht nur eine Holschuld des Mittelstandes, sondern auch eine Bringschuld der Forscher, noch stärker auf Unternehmen zu zugehen, diese zu motivieren, zu aktivieren und letztlich in die neue Welt von Industrie 4.0 aufzunehmen.

Der IT-Gipfel definiert die Digitale Agenda der Bundesregierung. Was denken Sie, was aus dem hier in Saarbrücken stattfindenden IT-Gipfel umgesetzt werden wird?

Das Thema Autonome Systeme wird zeitnah in die Umsetzung gehen. Speziell wird es Förderungsaktivitäten in den Bereichen Langzeitautonomie von technischen Systemen im Bereich der lebensfeindlichen Umgebungen geben. Lebensfeindliche Umgebungen sind solche, in denen Menschen nicht arbeiten können, beispielsweise beim Rückbau von Kernkraftwerken, in der Tiefsee und im Weltall. Weiterhin werden die Kompetenzzentren für den Mittelstand 4.0 weiter ausgerollt. Zehn dieser vom BMWi geförderten Zentren bestehen bereits, u.a. am DFKI in Kaiserslautern. Es wird zudem auf jeden Fall weitergehen im Bereich Smart Service Welt, der auch sehr gut zur digitalen Bildung passt, da es sich hier um digital erbrachte Dienstleistungen mit neuen plattformbasierten Geschäftsmodellen handelt. Das sind drei große Gebiete, bei denen ich mir sicher bin, dass sie von der Bundesregierung neben Industrie 4.0 nachhaltig gefördert werden, weil auch die Wirtschaft dort viel investiert.

Was ist ihre persönliche Vision 2025 für die IT-Szene im Saarland?

Für 2025 erwarte ich, dass wir vom Land der Zuliefererbetriebe im Automobilsektor zu einem Leuchtturm für die nächste Generation von Autos werden. Ich hoffe auf eine Verstärkung im Bereich Elektromobilität, aber besonders bei den Komponenten für hochautomatisiertes Fahren, so dass wir unsere Stärken in der IT mit der Automobilindustrie verbinden. Die Automobilindustrie befindet sich in einem weltweiten Digitalisierungswettlauf. Es ist gut möglich, dass der Auspuff, die Einspritzdüse oder das Getriebe im Jahr 2025 für Autos kaum mehr benötigt werden. Es ist also wichtig, dass der IT-Gipfel in Saarbrücken einen Weckruf aussendet, dass man das Autoland Saarland nur durch eine starke Position in der zweiten Digitalisierungswelle erhalten und ausbauen kann. Eine weitere Vision ist, dass das Saarland nicht nur als Geburtsstätte von Industrie 4.0 noch weiter bekannt wird, sondern eine der weltweiten „Pilgerstätten“ für Interessente an Industrie 4.0 wird, die hier Know-how erwerben und neue Fabriken errichten wollen. Das Werk für Hydraulikventile von Bosch-Rexroth in Homburg kann heute bereits als eine von nur zwei solcher „Pilgerstätten“ mit enormen Besucherinteresse aus produzierenden Unternehmen aller Branchen genannt werden, wie das ein Fachmagazin kürzlich feststellte. Die „Pilgerstätte Saarland“ sollte nun ausgebaut werden. Denn ich gehe davon aus, dass auch ZF Getriebe, Hager oder Festo zu Pilgerstätten werden, die das Industrie 4.0 Thema vorbildlich umsetzen und damit bis 2025 die Wirtschaftsstärke Deutschlands und des Saarlands demonstrieren. Wenn man den internationalen Vergleich zieht, sind wir in Deutschland hier weit voraus und müssen dies weiter ausbauen.

Vielen Dank für das Interview, Herr Professor Wahlster.

 

Verlinkte Videos mit Professor Wahlster:

 

Prof. Dr. Wolfgang Wahlster

Wolfgang Wahlster ist Professor für Informatik an der Universität des Saarlandes und leitet seit 1988 als Direktor und Vorsitzender der Geschäftsführung das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI GmbH) mit Standorten in Saarbrücken, Kaiserslautern und Bremen sowie einem Projektbüro in Berlin als die weltweit größte Forschungseinrichtung auf diesem Gebiet mit derzeit 478 Wissenschaftlern. Seine aktuellen Forschungsgebiete sind multimodale Sprachdialogsysteme, benutzeradaptive Assistenzsysteme für das Internet der Dienste und der Dinge sowie cyber-physische Produktionssysteme auf der Basis digitaler Produktgedächtnisse. Als Mitglied von Beratungsgremien der Bundesregierung wie den Partnern für Innovation und der Forschungsunion hat er Zukunftsprojekte wie Industrie 4.0 und Smart Service Welt mitinitiiert. Mit mehr als 70 erfolgreichen Firmenneugründungen mit ca. 2.500 Arbeitsplätzen leitet er eines der gründungsaktivsten Forschungszentren und ist in zahlreichen industriellen Aufsichtsräten und Beiräten tätig.