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Interview

Digitale Technik muss guter Bildung dienen

Von IT-Gipfelmagazin Saarland • Bundesministerin Prof. Dr. Johanna Wanka im Gespräch

Im Vorfeld des IT-Gipfels verkündete das Bundesministerium für Bildung und Forschung ein 5 Milliarden Euro Paket für deutsche Schulen. Im Interview erläutert Bundesministerin Prof. Dr. Johanna Wanka die Hintergründe und Ziele.

362 Views 16.11.2016

Das Bundesbildungsministerium will fünf Milliarden Euro für digitale Infrastruktur an Schulen bereitstellen. Das hat vielfältige Reaktionen von Verbänden, Fachleuten und Medien hervorgerufen – überwiegend positive, aber auch kritische Stimmen. Es wurde sogar grundsätzlich die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit digitaler Bildung in Frage gestellt.

Wir haben in Deutschland eine Kultur der kritischen Auseinandersetzung mit neuen Technologien. Ich persönlich halte das für eine Errungenschaft, die wir erhalten und pflegen sollten. Die fortschreitende Digitalisierung allerdings ist eine Tatsache, ob es einem gefällt oder nicht. Für viele von uns hat sich der Alltag – in Beruf, Familie und Freizeit – durch die vielen Anwendungen des mobilen Internets in den letzten Jahren so stark gewandelt, wie wir es uns vorher niemals hätten vorstellen können. Wir müssen uns also Gedanken machen, wie wir diese Entwicklung gestalten und ihre Chancen nutzen wollen. Deshalb lauten die spannenden Fragen, über die wir breit in der Gesellschaft diskutieren sollten: Wie soll sich unser Leben in Zukunft – und speziell die Bildung und das Lernen – durch digitale Medien verändern und weiterentwickeln? Wie müssen wir digitale Bildung gestalten, damit diese Veränderungen so eintreffen, wie wir sie uns wünschen? Welche Rahmenbedingungen sind dafür notwendig?

Fünf Milliarden für digitale Bildungsinfrastruktur sind aber nicht gleichbedeutend mit digitaler Bildung?

Die Milliarden-Investition in die Infrastruktur ist ja nur ein Teil des Vorschlags für einen „DigitalPakt#D“: Der Bund fördert erstens die digitale Ausstattung an Schulen, damit die Länder zweitens digitale Bildung umsetzen können. Das heißt, sie passen zeitgleich die Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte an und unterlegen das Lernen mit digitalen Medien durch die notwendigen pädagogischen Konzepte. Denn zentral für den Erfolg digitaler Bildung ist die Pädagogik – digitale Technik muss guter Bildung dienen, nicht umgekehrt. Wir werden sehr genau darauf achten – und darin sind wir uns mit den Ländern einig – dass keine Investitionsruinen entstehen, sondern dass Ausstattung, Konzept und Lernkultur zueinander passen.

Aber auch ein „DigitalPakt#D“ beantwortet noch nicht die eingangs von Ihnen aufgeworfene Frage, welche Gesellschaft wir wollen und wie wir diese im digitalen Zeitalter gestalten können?

In der Tat. Deshalb steht der ‚DigitalPakt#D‘ auch nur für eines von fünf Handlungsfeldern unserer Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft. Zu jedem dieser fünf Handlungsfelder gehört eine ganze Palette von Maßnahmen, die überwiegend bereits gestartet wurden. Im Kern geht es dabei zum einen darum, Kindern und Erwachsenen zu vermitteln, wie die digital geprägte Welt funktioniert und welche Fertigkeiten ich brauche, damit ich mich selbstbestimmt in ihr bewegen kann. Und zum anderen um die konkreten Inhalte und das das Lernen mit digitalen Medien, das wir von der  Schule über die Berufsausbildung bis hin zur Erwachsenenbildung erforschen, gestalten und fördern wollen.

Sie haben über notwendige Rahmenbedingungen der digitalen Bildung gesprochen. Was können wir uns darunter genau vorstellen?

Eine erste Rahmenbedingung sind leistungsfähige digitale Infrastrukturen, das ist der bereits angesprochene „DigitalPakt#D“. Zweitens muss der rechtliche Rahmen zum digitalen Zeitalter passen – ein zentrales Stichwort ist hier Open Access, der freie Online-Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen. Aber auch der Datenschutz spielt eine wichtige Rolle. Denken Sie nur an Learning Analytics, die automatische Erhebung und Verarbeitung von Daten, die Lernende beim Lernen produzieren. Das hat einerseits große Potenziale: Lernprozesse können viel individueller und zielgerichteter unterstützt werden. Genauso offensichtlich sind aber die enormen Herausforderungen für den sicheren und verantwortungsvollen Umgang mit diesen Daten.

Geld für Infrastruktur, Forschungs- und Entwicklungsprogramme für digitales Lernen und ein passender Rechtsrahmen – das sind die Bausteine für unsere digitale Lernwelt?

Noch nicht ganz. Wir möchten noch zwei weitere Dinge voranbringen. Die Bildungseinrichtungen selbst müssen sich weiterentwickeln, um für das digitale Lernen gut aufgestellt zu sein – dabei wollen wir sie unterstützen. Und schließlich ist es uns wichtig, die Potenziale der digitalen Medien zu nutzen, um deutsche Bildungsanbieter auch international noch sichtbarer zu machen. Dazu gehören digitale Angebote für internationale Studierende ebenso wie digitale Betreuung deutscher Studierender, die etwa für ein Erasmus-Semester im Ausland sind, und nicht zuletzt das internationale Bildungsmarketing mit Hilfe von digitalen Medien.

Wird das ausreichen, um Deutschland fit zu machen für die Zukunft der digitalen Bildung?

Es ist jedenfalls ein kraftvoller Impuls. Entscheidend ist, dass alle, also Schulen, Hochschulen, Länder und Bund, von Anfang an die Nachhaltigkeit im Blick haben. Und es ist wichtig, diese Maßnahmen kontinuierlich zu beobachten und zu bewerten, um daraus zu lernen und die Strategie weiterzuentwickeln. Der IT-Gipfel wird den nächsten Schub im Digitalisierungsprozess bringen, und uns einen Ausblick in die Zukunft der digitalen Bildung eröffnen.