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Im Inter­view

Das Schwerpunkt­thema Bildung kommt zum richtigen Zeitpunkt!

Von IT-Gipfelmagazin Saarland • Im Gespräch mit Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer

Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer ist gemeinsam mit Bundesministerin Prof. Dr. Johanna Wanka Vorsitzender der IT Gipfel-Plattform „Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft“. Dieses Thema steht im Mittelpunkt des diesjährigen 10. IT Gipfels in Saarbrücken.

851 Views 22.06.2016

Prof. Scheer, warum ist es wichtig und auch richtig, dass der IT Gipfel ins Saarland kommt, und in welcher Weise kann unser Bundesland davon profitieren?

Der IT Gipfel findet jedes Jahr in einem anderen Bundesland statt. Darüber hinaus gibt es aber auch gute inhaltliche Gründe. Wir haben im Saarland eine bekanntermaßen sehr gute Forschungslandschaft auf dem Gebiet der Informationstechnologie, und es gibt zudem Unternehmen, die erfolgreich Ideen aus der Forschung in die Anwendung umsetzen sowie innovative Anwender. Dazu gehören neben den von mir gegründeten Unternehmen auch zahlreiche andere, darunter auch Neugründungen. Das Saarland bekommt durch den IT Gipfel neben der Bestätigung seiner IT Kompetenz einen Motivationsschub, um diese Entwicklung noch zu intensivieren und zu beschleunigen. Hier gilt es vor allem, die Forschungsinfrastruktur für noch mehr Neugründungen zu nutzen und das Wachstum der bestehenden IT Unternehmen zu fördern.

Das Schwerpunktthema des IT Gipfels 2016 wird die Digitalisierung in Bildung und Wissenschaft sein. Was sind hier die Herausforderungen und welche Ergebnisse wünschen Sie sich vom IT Gipfel?

Die Digitalisierung verändert alle Branchen und auch unsere private Lebenswelt. Sie macht auch vor dem Bildungssektor nicht halt. Leider hinken wir in Deutschland hinter anderen vergleichbaren Ländern bezüglich der Digitalisierung unseres Bildungssystems hinterher. Auf den Punkt gebracht: für einen Lehrer oder Professor gibt es bisher kaum Belohnungen, wenn er sich hier fortschrittlich verhält. Dieses muss grundlegend geändert werden. Die Einsicht dazu wächst. Stiftungen, einzelne Hochschulen, aber auch die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) haben Fahrt aufgenommen. Für Dezember ist hierzu ein Strategiepapier der KMK angekündigt. Ich glaube, dass der IT Gipfel 2016 mit seinem Schwerpunktthema Bildung genau zum richtigen Zeitpunkt kommt, um der Rakete den richtigen Schub für die digitale Transformation unseres Bildungssystems zu geben. Es geht nicht darum, Technologie um ihrer selbst willen einzuführen, sondern darum, die großen Fortschritte der digitalen Bildung wie Zeit- und Ortsunabhängigkeit des Lernens sowie die stärkere Individualisierung der Lernformen und Lerninhalte einschließlich der stärkeren Internationalisierung zu nutzen. Die Voraussetzungen für lebenslanges Lernen müssen geschaffen werden, ebenso wie die Voraussetzungen für Kooperationsmodelle zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bildungssystem, insbesondere für die Weiterbildung. Es geht darum, die wichtigste Ressource, die wir in Deutschland haben, nämlich unsere klugen Menschen und ein funktionierendes Bildungssystem, an die Zukunft anzupassen. Wir bezeichnen uns gerne als ein Bildungsland, die nächste Stufe wäre dann die digitale Bildungsrepublik Deutschland.

Wie wird sich der IT Gipfel als Institution aus Ihrer Sicht weiterentwickeln, bzw. wie sollte er sich weiterentwickeln?

Ich habe an allen IT Gipfeln teilgenommen und miterlebt, wie aus einem anfänglich bescheidenen Treffpunkt zwischen Politik, IT, Industrie, Wissenschaft und Anwendern ein wirklich nationaler Gipfel erwachsen ist. Zunächst ging es nur darum, den Informationsaustausch zwischen diesen verschiedenen Gruppen zu unterstützen. In einer zweiten Phase wurden auch Forderungen an die Politik gestellt. So ist zum Beispiel die Einführung eines Bundes - CIO auf die Initiative der IT Gipfel zurückzuführen. Auch die Rolle dieses CIO hat sich weiterentwickelt. Von einer anfänglich eher koordinativen Funktion zwischen den unterschiedlichen Verantwortlichen in Bund und Ländern kommend, manifestiert sich nun eine starke IT Kompetenz in dieser Rolle. Die gleichen Entwicklungen sehen wir auch auf Landesebene. Das heißt, die Politik hat gelernt, dass wir auch in der öffentlichen Verwaltung die IT als die wichtigste Gestaltungsmöglichkeit zur Modernisierung einsetzen müssen. Der Kontakt zwischen den unterschiedlichen Gruppen hat sich auf dem IT Gipfel immer weiter verstärkt. Man sieht es nicht zuletzt an den Podiumsdiskussionen, an denen jeweils die Vertreter der unterschiedlichen Gruppen beteiligt sind. Viel wichtiger jedoch als die Tagesveranstaltungen des IT Gipfels sind eigentlich die Arbeitsgruppen, die sogenannten Plattformen, hiervon gibt es 11, die auch während des Jahres mit den Mitgliedern oder auch mit deren definierten Vertretern mehrfach zusammenkommen, um dort konkrete Ergebnisse zu erarbeiten, die dann auf dem IT Gipfel präsentiert werden. Insofern ist der IT Gipfel nicht eine Tagesveranstaltung, sondern er findet quasi während des gesamten Jahres statt. Er hat aber natürlich seine Kulmination in der Veranstaltung, die ja zu unserer großen Freude in diesem Jahr in Saarbrücken stattfindet. Die Weiterentwicklung des IT Gipfels wird bereits in Saarbrücken angedeutet: Mit dem Kommissar Oettinger ist die wichtigste Repräsentationsfigur des IT Sektors der EU anwesend. Dieses zeigt ganz deutlich, dass wir viele IT Fragen, etwa Fragen der Infrastruktur oder der Standards, nicht mehr nur aus Deutschland national bestimmen können, sondern dass wir hier mindestens eine europaweite Abstimmung und eine konzertierte Aktion benötigen. Nur so können wir uns gegen die Übermacht der großen IT Anbieter aus Amerika und Asien wirksam verteidigen. Wir haben in Europa und auch in Deutschland einen sehr großen Markt für IT Anwendungen, aber wir spielen auf der Anbieterseite bei Hard- und Software, gemessen an unserer Marktbedeutung, noch eine zu geringe Rolle. Dieses können wir nur durch eine europaweite Aufholstrategie ändern, mit dem Ziel, unsere Kompetenzen einzubringen, um eine Führungsrolle auf dem IT Sektor einzunehmen. Das ist nicht nur für die IT Industrie erforderlich. Durch Entwicklungen wie Industrie 4.0 sehen wir, dass auch unsere klassischen Branchen, in denen wir führend auf dem Weltmarkt sind, durch die IT verändert werden. Und wenn wir nicht in Deutschland und Europa über die entsprechende IT Kompetenz in Hard- und Software verfügen, können wir diese Branchen nur durch Kooperationen mit den USA und Asien modernisieren. Das heißt, wir sind abhängig und nicht mehr an der Spitze der Entwicklung. Wir müssen aber genau diese Führungsrolle in unseren erfolgreichen Branchen behalten und ausbauen, und das geht nur mit einer entsprechenden IT Kompetenz.

Der IT Gipfel entwickelt an den zwei Veranstaltungstagen selbst eine besondere Strahlkraft – nicht zuletzt durch das persönliche Engagement der Bundeskanzlerin. Was ist zu tun, damit die diskutierten Themen und gewonnenen Erkenntnisse auch über diese Tage hinaus ihre Wirkung entfalten?

Die Strahlkraft der beiden Tage wird sich in zwei Richtungen ausbreiten. Einmal werden die vorgestellten Ergebnisse aus Diskussionen und Plattformen ja in dem folgenden Jahr weiterverarbeitet, so dass sie bei dem übernächsten Gipfel wieder diskutiert werden. In der Zwischenzeit werden auch die staatlichen Institutionen, die ja angesprochen und mit Forderungen aus der Wirtschaft konfrontiert werden, ihre Arbeit unter diesem Eindruck fortsetzen. Auf dem IT Gipfel werden zudem Leuchtturmprojekte präsentiert, zum Beispiel eine Schule der Zukunft. Die Sponsoren solcher Leuchtturmprojekte werden darauf drängen, dass dieses keine Eintagsprojekte sind, sondern eine mehrjährige Verstetigung verlangen. Auch hier werden Grundsteine gelegt, auf denen hinterher, durch Multiplikation dieser Leuchtturmprojekte, ein Haus mit vielen Zimmern gebaut wird.

Blicken Sie mit uns in die Zukunft – wie kann und sollte die Schule 2030 aussehen, wie werden sich Ausbildung, Hochschulen und der grundlegende Rhythmus des Lernens verändern?

Wir fangen ja nicht ganz bei null an, es gibt schon heute beeindruckende Beispiele für moderne e-Learning Konzepte in Schulen. Beispielsweise gibt es in Bremen dafür bereits eine Gesamtstrategie. Es kommt eben nicht vorrangig darauf an, heute Computer in die Schulen zu stellen, das ist nicht das Entscheidende. Fast alle Schüler besitzen heute schon Smartphones und haben damit Möglichkeiten, elektronisch Informationen über ihre Hausaufgaben zu bekommen oder können ihre Hausaufgaben elektronisch an die Lehrer übermitteln. Sie können mit dem Lehrer auch außerhalb der Schulstunden in Kontakt treten, Fragen stellen, sich beraten lassen und auch untereinander Informationen austauschen. Das heißt also, die Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern wird wesentlich enger werden. Man spricht heute auch vom flipped classroom, vom integrierten Lernen, bei dem sich die Rollen verändern. Dabei lernt dann auch ein Lehrer von seinen Schülern. Das sind die eigentlichen Vorteile und Effekte, die mit einem digitalen Bildungssystem verbunden sind. Ich betone noch einmal, es geht nicht darum, nur Hardware in Schulen zu stellen. Das mag beeindruckende Fotos und Filme ergeben, aber die eigentlichen Wirkungen der Digitalisierung des Bildungsbereiches sind eher unsichtbar- indem neuartige Kommunikation stattfindet, indem elektronische Informationen ausgetauscht werden und damit auch die Demokratisierung des Bildungssystems weiter unterstützt wird. Unabhängig von der sozialen Herkunft hat heute praktisch jeder ein Handy, und selbst dort, wo es nicht vorhanden ist, muss es Sponsoring-Möglichkeiten geben, so dass der digitale Graben zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten gar nicht erst aufbrechen kann. Aber die Schule ist nur ein Teil des gesamten Bildungsweges, den ein Mensch durchläuft. Hier müssen wir dafür sorgen, dass die unterschiedlichen Bildungsstufen, also Schule, Hochschule, Ausbildung, Meisterschule und Weiterbildung - bis hin zum lebenslangen Lernen - ineinandergreifen. Das sind keine getrennten Abschnitte. Man kann durch eine elektronische Bildungsakte die erreichten Wissensstadien für jeden Menschen speichern, man kann Auswertungen durchführen, welche Bildungsangebote zu welchen Ergebnissen führen. Besonders herauszustellen ist auch die Individualisierung des Lernens, die durch die Digitalisierung ermöglicht wird. Insofern ist die Einführung einer Bildungs-Cloud, die den Menschen ein Leben lang begleitet und seine Bildungsergebnisse dokumentiert, ein Weg, den wir in der Zukunft gehen müssen. Ich warne noch einmal davor, vordergründige Dinge wie die Hardwareausstattung in einer Schule zu stark zu betonen. Das ist heute nicht mehr das Problem, sondern einfache Zugangssysteme wie Smartphones und ein WLAN reichen bereits aus. Im Gegenteil, wenn heute jede Schule für die Datensicherheit und für den Datenschutz sorgen soll, dann beschäftigt sie sich mit Dingen, die mit Blick auf ihre eigentlichen Aufgaben zweitrangig sind. Hier sollte man mutig Cloud-Technologien einsetzen, die dafür sorgen, dass Fragen des Datenschutzes und der Sicherheit professionell, zentral geregelt werden. Vor diesem Hintergrund bin ich übrigens sicher, dass auch die Frage einer nationalen Bildungs-Cloud auf dem diesjährigen IT Gipfel eine große Rolle spielen wird.

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Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer ist einer der prägendsten Wissenschaftler und Unternehmer der deutschen Wirtschaftsinformatik und Softwareindustrie. Seine Bücher gehören zu den Standardwerken des Geschäftsprozessmanagements; die von ihm entwickelte Managementmethode ARIS für Prozesse und IT wird in nahezu allen DAX-, vielen mittelständischen Unternehmen und auch international eingesetzt. Er ist Gründer erfolgreicher Software- und Beratungsunternehmen, die er aktiv begleitet. Zu den Unternehmen der Scheer Gruppe, die ihren Hauptsitz in Saarbrücken hat, zählen IDS Scheer Consulting GmbH, Scheer Management GmbH, imc AG, e2e Technologies, IS Predict und Backes SRT. Als Unternehmer und Protagonist der Zukunftsprojekte „Industrie 4.0“ und „Smart Service World“ der Bundesregierung arbeitet er aktiv an der Ausgestaltung der Digital Economy.

Die nächste Stufe wäre die digitale Bildungsrepublik Deutschland.

Prof. August-Wilhelm Scheer