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Tag der Digi­talen Bil­dung

Interview mit dem Präsidenten der Universität des Saarlandes Volker Linneweber

Begleitend zum Nationalen IT-Gipfel findet am 16. November von 9 bis 17 Uhr auf dem Saarbrücker Campus der Universität des Saarlandes der „Tag der Digitalen Bildung für alle“ statt. Zur Veranstaltung rund um „Digitales Lehren und Lernen entlang der lebenslangen Bildungskette“ sind alle interessierten Bürgerinnen und Bürger eingeladen. Der Präsident der Saar-Universität, Volker Linneweber, gibt im Interview Einblicke, was die Besucherinnen und Besucher hier erwartet. Die Universität veranstaltet den Tag in Kooperation mit der BDA/BDI-Initiative MINT Zukunft schaffen e.V., dem Nationalen MINT-Forum, der Staatskanzlei sowie dem Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes.

691 Views 03.08.2016

Herr Professor Linneweber, welche Bedeutung haben die digitalen Medien in der heutigen Gesellschaft?

Die digitalen Medien durchdringen inzwischen alle Bereiche des täglichen Lebens und verändern unseren Alltag von Grund auf. Kinder wachsen bereits mit den neuen Technologien auf – beispielsweise mit digitalen Kinderbüchern und ganzen Onlinewelten. Sie nutzen sie intuitiv und haben keinerlei Berührungsängste. Auch Schule und Hochschule, die Arbeitswelt sowie unsere Freizeit und unser Verhalten werden zu einem Großteil von den digitalen Medien bestimmt. Man denke nur an die sozialen Medien und Netzwerke, die unser Sozial- und Kommunikationsverhalten völlig verändert haben. Aber auch wie wir einkaufen oder wie wir uns informieren und Nachrichten konsumieren, wird mittlerweile wesentlich von digitalen Technologien bestimmt.

Wie beurteilen Sie das Potenzial und die Risiken digitaler Medien speziell im Bereich der Bildung?

Für die Bildung liegen hier enorme Chancen, aber auch Risiken. Technisch möglich ist vieles, aber es geht darum, digitale Werkzeuge sinnvoll zu nutzen. So darf eine Lernsoftware Schüler nicht nur mit Informationen füttern, sondern sie muss ihnen helfen, den Lernstoff besser zu verstehen und leichter anwenden zu können. Und Lehrerinnen und Lehrer müssen sich die Frage stellen, wie sie Smartphone, Tablet oder interaktives Whiteboard mit Erfolg im Unterricht einsetzen. Richtig und verantwortungsvoll verwendet, können digitale Medien alle Lernprozesse unterstützen – das gilt von der Schule über die Berufsausbildung und das Studium bis hin zur beruflichen Weiterbildung und zum lebenslangen Lernen. Wir können die in den digitalen Medien liegenden Chancen für die Bildung nutzen, wenn wir diese Entwicklung durch Forschung und Lehre begleiten, wenn wir erforschen, was geeignet ist, wenn wir fachdidaktische Konzepte erarbeiten und evaluieren, Bildungstechnologien weiterentwickeln, Lernumgebungen gestalten und die Lehrerinnen und Lehrer entsprechend aus- und fortbilden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Frage ist nicht, ob der Einsatz von Tablets im Unterricht wirksamer ist als ein Unterricht ohne Tablets. Das wäre viel zu pauschal. Es kommt vielmehr immer auf die Lehrer, die Schüler und das Konzept an. So haben unsere Wissenschaftlerinnen für Deutschdidaktik jüngst gezeigt, dass sich bestimmte Bilderbuch-Apps sinnvoll im Deutschunterricht in der Grundschule einsetzen lassen: Die Kinder können beispielsweise über das Mikrofon ihre eigenen kreativen Geschichten zu den Illustrationen aufnehmen. Die Geschichten lassen sich dann immer wieder anhören, verbessern und auch diskutieren. Die Schüler werden dadurch selbst zu Autoren, ein wichtiges Ziel im Literaturunterricht.

Welche Forschung gibt es hierzu an der Saar-Uni?

Konkret diese Forschung zu Bilderbuch-Apps ist Teil des Projektes „Digitales Lehren und Lernen im Saarland“, kurz DiLLiS, das die saarländische Staatskanzlei finanziell fördert. Die Professorinnen Julia Knopf und Silke Ladel erarbeiten hier mit ihren Forscherteams wissenschaftlich fundierte fachdidaktische Konzepte, wie digitale Medien das Lehren und Lernen optimal und sinnvoll unterstützen. Erste Konzepte für die Fächer Deutsch und Mathematik haben sie bereits erfolgreich an saarländischen Grundschulen erprobt und in die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften integriert.

Und über dieses Projekt hinaus?

Unsere Universität ist ein international führender Informatikstandort. Hunderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, neben Informatikern etwa Bildungs-, Sprach- und Naturwissenschaftler, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler, Psychologen, Mathematiker, Fachdidaktiker, befassen sich mit Zukunftsthemen rund um die digitalen Technologien. In einer ganzen Reihe von Projekten und Initiativen widmen sie sich in Forschung und Lehre dem Einsatz digitaler Medien in der Bildung. Sie erforschen etwa, wie Lernspiele, Multi-Touch-Geräte oder auch soziale Medien sinnvoll in Lernprozesse integriert werden können. Hierzu analysieren sie die Lernprozesse und untersuchen, was diese fördert oder sogar stört. Im Rahmen einer Kooperation mit einer großen Lehrer-Plattform etwa, die nebenbei bemerkt eine halbe Million Euro an Drittmitteln an die Universität bringt, übernehmen vor allem auch Nachwuchsforscherinnen und -forscher die komplette Verschlagwortung der Online-Dokumente. Ein eigener Masterstudiengang „Educational Technology“, der an der Schnittstelle zwischen Computer- und Bildungswissenschaften angesiedelt ist, vermittelt Kenntnisse aus Pädagogik, Psychologie und Informatik und eine konstruktiv-kritische Perspektive auf Bildungstechnologien.

Was erwartet die Besucher auf der Veranstaltung „Digitale Bildung für alle“ auf dem Campus der Universität?

Zum Tag der Digitalen Bildung sind Interessierte jeden Alters eingeladen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Lehrkräfte aller Schulformen, Schüler, Studenten und Unternehmen. Über 60 Aussteller aus Wissenschaft, Schule, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft werden sich auf dem „Markt der Möglichkeiten“ präsentieren und Anwendungen zur digitalen Bildung vorstellen. Die Besucher erwartet ein umfangreiches Programm zum Mitmachen und Selbst-Erleben. Sie können beispielsweise ein digitales Klassenzimmer ausprobieren und mit Robotern lernen. Oder sie dürfen „Virtual-Reality“- und Daten-Brillen testen und in virtuelle Welten eintauchen. Auch Unternehmen finden hier Anregungen, denn die Weiterbildung von Mitarbeitern wird immer wichtiger. Außerdem kann man spannende Workshops buchen, die zwischen 10 und 14 Uhr stattfinden. Weiterhin sind Vorträge, Podiumsgespräche und Führungen durch digitale Welten geplant. Außerdem werden Schüler, Studenten und Lehrkräfte in einer Speakers `Corner über ihre Erfahrungen mit digitalen Medien in Schule und Alltag berichten.

Es soll ja auch eine digitale Schnitzeljagd geben. Was hat es damit auf sich?

Die digitale Schnitzeljagd funktioniert im Prinzip wie die altbekannte Schnitzeljagd – nur findet sie nicht nur in der realen Welt statt, sondern auch virtuell. Die Besucherinnen und Besucher laden sich vorab eine App auf ihr mobiles Endgerät. Sie wählen eine der Schnitzeljagd-Touren aus und lösen dann verschiedene Aufgaben, die an die Veranstaltung gekoppelt sind. Die Lösungen werden innerhalb der App dokumentiert. Dabei gibt es auch Preise zu gewinnen. Damit alle an der Schnitzeljagd teilnehmen können, haben unsere Professorinnen Julia Knopf und Silke Ladel gemeinsam mit einem Software-Unternehmen drei verschiedene Touren entwickelt: eine für Kinder, eine für Jugendliche und eine für Erwachsene.

Wie ist die Veranstaltung an den Nationalen IT-Gipfel der Bundesregierung gekoppelt?

Der Tag der Digitalen Bildung an der Universität findet im Rahmen des Begleitprogramms der Landesregierung rund um den IT-Gipfel statt. Er beginnt am 16. November um 10 Uhr mit einer offiziellen Eröffnung durch Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer im Hotz-Hörsaal. Auch Vertreter der zuständigen Bundesministerien werden anwesend sein. Darüber hinaus freuen wir uns, dass die Veranstaltung Teil der IT-Touren ist, die von der saarländischen Staatskanzlei organisiert werden. Ferner ist es uns gelungen, zahlreiche Teilnehmer des Nationalen IT-Gipfels auch in unsere Veranstaltung einzubinden, unter anderem in die Ausstellungen, in die Podiumsdiskussionen und in die Vortragsreihe.

Prof. Volker Linneweber

Volker Linneweber, 1951 bei Bielefeld geboren, studierte Psychologie und Erziehungswissenschaften in Münster. Nach der Promotion 1982 forschte er unter anderem in den USA, bevor er 1986 erstmals eine Stelle an der Universität des Saarlandes als Wissenschaftlicher Mitarbeiter antrat. Nach seiner Habilitation 1991 an der Saar-Uni hatte er mehrere Lehrstuhlvertretungen inne und forschte unter anderem als stellvertretender Abteilungsleiter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. 1996 folgte er einem Ruf auf die Professur für Sozialpsychologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Nachdem er in Magdeburg Erfahrungen als Dekan der Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften und Prorektor der Universität sammeln konnte, wurde er 2006 zum Präsidenten der Universität des Saarlandes gewählt. In seine Amtszeit fallen unter anderem die Erfolge in der Exzellenzinitiative sowie die Umsetzung der Bologna-Reform an der Saar-Uni.

Zur Veranstaltung

Der Tag der Digitalen Bildung findet auf dem Campus Saarbrücken, rund um Gebäude E2 2, statt.